DISTEL for future

Du kennst die DISTEL ja bereits bestens als Autor, Regisseur und Schauspieler. Warum hast Du Dich nun für die Künstlerische Leitung entschieden und wie verändert sich der Blick auf das Haus mit Deiner neuen Funktion?

2011 hatte ich das erste Mal beruflichen Kontakt mit der DISTEL. In der Zeit war ich Künstlerischer Leiter der academixer in Leipzig, damals habe ich mich intensiv um eine Kooperation der beiden Kabaretts bemüht, zu der es letztlich auch bei einem Programm kam. Einige Jahre später hatte ich dann meine erste Regiearbeit an der DISTEL. Seitdem arbeite ich regelmäßig als Autor und Regisseur und seit 2019 auch als Schauspieler an unserem Haus. Ich bin in der DDR aufgewachsen, die DISTEL war mir schon immer ein Begriff. DISTEL-Schallplatten bspw. "Der Freizeit eine Gasse" habe ich schon als Kind gehört.

Aber um auf die Frage zurückzukommen. Die Künstlerische Leitung war ausgeschrieben, es gab einige Bewerber, u.a. auch mich, letztlich bin ich's geworden. Dass ich das DISTEL Team kenne, ich mich mit der Situation und den Strukturen am Haus nicht zurechtfinden musste, sondern gleich loslegen konnte, spielte bei der Entscheidung sicherlich ein Rolle.

Mit welchen Zielen und Ambitionen startest Du in die erste Spielzeit am Kabarett-Theater DISTEL? Wohin soll sich die DISTEL unter Deiner Leitung künstlerisch entwickeln?

Die to do Liste ist lang, mein Vorgänger Dominik Paetzholdt hat das Haus sehr gut geleitet. 10 Jahre war er hier – kein Künstlerischer Leiter hat das Haus nach der Wende so lange geprägt. Natürlich werde ich andere Schwerpunkte setzen. Es gibt kurzfristige Vorhaben, das sind vor allem strukturelle Dinge, die schnell entschieden werden müssen. Was die Visionen betrifft… das geht alles nicht von heute auf morgen.

Kooperationen mit anderen Kabaretts wüsche ich mir, aber auch genreübergreifende Veranstaltungen mit anderen Künstlern. Die DISTEL ist ein ehemaliges Kino – wäre doch spannend, das in welcher Form auch immer wieder zu beleben. Unter 30-Jährige, die unsere Programme sehen sind begeistert, wir werden explizit Formate für diese Zielgruppe etablieren. Perspektivisch werden sich unsere Gäste auf einen bunteren Spielplan freuen können.

Das Herz der DISTEL ist und bleibt natürlich politisches Kabarett. Wir müssen noch mehr am Nerv der Zeit sein, inhaltlich und ästhetisch. Unser Theater befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Regierungsviertel – wenn man so will, ist das unser Alleinstellungsmerkmal. Berlin-Besucher gehen morgens in den Bundestag, abends in die DISTEL. Politische Veranstaltungen, in welcher Form auch immer, gehören an unser Haus.

Übrigens war die Friedrichstr. 101, unser Gebäude, lange Zeit nicht nur Kabarett-Theater, sondern auch das "Haus der Presse". Wenn man so will, bewegt sich Kabarett oft zwischen Journalismus und Theater, wir veranschaulichen gesellschaftliche bzw. politische Fakten durch "Leben".

Wie siehst Du die Rolle des Kabaretts in der gesellschaftlichen Diskussion?

Zunächst einmal ist Kabarett Witz, Spaß, albern, Ventil und unterhaltsam im bestem Sinne. Wir sind eben ein Ort, an dem Menschen die Möglichkeit haben sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen, die ihnen keine Ruhe lassen, zu beschäftigen, auch das ist Unterhaltung. Die Aufgabe von uns da oben auf der Bühne ist sicher nicht, zu bestätigen, was die da unten im Saal denken. Aber auch nicht, anderen Leuten zu erklären, was sie zu denken haben. Dies ist ja sowieso schon eine Tendenz unserer Zeit bzw. in unserer Gesellschaft. Kabarett hat manchmal etwas Wichtigtuerisches – furchtbar! Nee, Kabarett sollte heute alle eindeutigen und klaren Positionen in Frage stellen.

Nicht schlecht wäre, wenn Zuschauer irritiert, aber dankbar, dass wir Themen aufbereitet haben, nach einer Vorstellung nach Hause gehen. Vielleicht mit mehr Fragen, aber beglückt und sehr gut gelaunt.