18.01.2022

Ablenk-Manöver

– London

Heute fand die lang erwartete Fragestunde im britischen Unterhaus statt.
Um Sie nicht auf die Folter zu spannen: der kunstgekämmte Premierminister entschuldigte sich.
Und zwar für die Briten, die alles falsch verstanden haben.
Er war am 20. Mai 2020 im Garten seines Amtssitzes. Es waren etwa 35 Personen anwesend. Sie tranken den von ihnen mitgebrachten Alkohol. An dieser Stelle verstehe ich nicht warum die Labour Partei dagegen war. Eine „Bring your own booze"-Party ist doch etwas zutiefst sozialistisches.
Die Opposition beharrte jedoch auf einer anderen Frage. Warum gelten Lockdown-Regeln nicht für Politiker? Warum durften die Briten nicht zu ihren sterbenden Verwandten?
Die Regierung machte diese Regeln, bricht sie auch selbst – nicht nur im Fall Boris Johnson.
Ein Minister trat zurück, weil er trotz Lockdown 230 km weit zu seinen Verwandten fuhr. Eine Pressesprecherin verlor ihr Amt, weil sie lachend von einer Weihnachtsparty im Dezember 2021 berichtete. Und nun prostete auch Boris.
Für die Opposition war es in dieser Fragestunde keine Frage, dass er zurücktreten soll.
Doch seine Partei sprang ihm tatkräftig zur Seite.
Ein Abgeordneter stellte die entscheidende Frage, ob der Premier ihn im Kampf gegen Mikroplastik in Waschmaschinenfiltern unterstütze?
Zugegeben – ein Thema, das bei solch hitzigen Debatten leicht in den Hintergrund geraten kann.
Was aber tat der Premierminister?
Er suchte und fand die lange Bank, auf die er die ganze Sache schieben kann. Eine gründliche Untersuchung soll zunächst den Sachverhalt klären, dann würde er zur Frage seines Rücktritts Stellung nehmen.
Very clever! Dies könnte zeitlich mit dem Ablauf seiner Amtszeit zusammenfallen.
Apropos zusammenfallen.
Unser Kanzler wäre bei einer solchen Fragestunde schon nach drei Minuten zusammengefallen.
Aber zum Glück haben wir ja nicht die britische Demokratie sondern den deutschen Sonderweg.

 

– Melbourne

Die Weltpresse beschäftigt sich mit einem Mann, der das Banalste der Welt macht.
Novak Djokovic schlägt einen Filzball über ein Netz in 91,4 cm Höhe.
Fakt ist: trotz eines positiven Corona-Tests am 16. Dezember, begab er sich am 18. Dezember in die Öffentlichkeit – zu einem gut bezahlten Interview.
Bei seiner Einreise in Australien füllte er das entsprechende Dokument falsch aus.
Halt.
Er versteckte sich hinter seinem Agenten, der für ihn schrieb.
Da auch wir in Boris Becker einen Filzball-Autisten besitzen, wissen wir, dass deren Aufschlag selten im Feld für Lesen und Schreiben landet.
Damit stellt sich die zweite pathetische Frage.
Die Eintrittskarten sind verkauft, die Fernsehrechte verhandelt, die Presse anwesend.
Entscheidet sich der australische Minister für Einwanderung für die Gesetze oder für das Geld?
Ehrlich gesagt – ich will es nicht wissen.
Aber es ist doch interessant, mit welchem Schwachsinn wir von wirklichen Problemen abgelenkt werden!

 

– Genf

In der schönen Stadt finden unschöne Gespräche statt.
Unschön, weil beide Seiten aufgrund ihrer vorgegebenen roten Linien wissen, dass sie kein Ergebnis zeitigen werden.
Tatbestand ist folgender: die NATO ist in der Ukraine, aber die Ukraine ist nicht in der NATO.
Im Land stehen amerikanische Waffensysteme – wegen der Kompatibilität mit der NATO, zu der die Ukraine wie gesagt nicht gehört.
Und die ukrainischen Soldaten exerzieren mit den NATO-Soldaten.
Wer glaubt, es ginge uns nichts an: es handelt sich um amerikanische, britische, französische und deutsche Soldaten.
Wir sind halt schon allzu lange auf Kriegsdiät!
Daraufhin hat Russland große Truppenteile in dieser Gegend zusammengezogen. Interessanterweise wird ein Detail übersehen. Sie befinden sich 200 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Was man über die NATO nicht sagen kann.
Ich wiederhole mich an dieser Stelle gern. Es handelt sich um die umgekehrte Kubakrise.
Sie durch Gespräche zu lösen, ist ein vernünftiger Ansatz.
Dazu benötigen wir als NATO-Partner Politiker, deren Hirn nicht allein von Wind und Sonne angetrieben wird.

 

12 01 2022
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