06.10.2020

America Fürst

 

Donald Trump inszeniert sich wie Ludwig XIV – wenn der Geld gehabt hätte.
Beim morgendlichen Lever des Sonnenkönigs in Versailles durfte der Adel zuschauen. Befürchten Sie jedoch keinen Voyeurismus.
Der Herrscher von Gottes Gnaden hat sich damals nicht gewaschen, nur gepudert
(ich entschuldige mich bei allen Wiener Lesern).
Der völkische Donald I tümelt mehr. Er denkt, er spricht, er handelt wie der Plebs, wenn der regieren dürfte. Diese Volksnähe demonstrierte er am Montag durch eine Tour rund um das Krankenhaus.
Dieser Ego-Trip enthielt alle Ingredienzen.
Nicht eine kleine Elite sondern das Volk durfte zusehen. Dazu sagte er wörtlich: Ein Führer muss führen (sorry, Adolf, das hat er einfach geklaut).
Der King, oder wie Neider sagen King Kong, beherrschte auch aus dem Krankenbett die Schlagzeilen.
Die Kunst der leistungsfreien Selbstvermarktung, für die wir schon Paris Hilton voreilig applaudierten, hat erst in ihm seinen Höhepunkt erreicht.

Sprechen wir auch kurz über Symbolik.
Nach seiner Selbstentlassung sahen wir ihn auf der Veranda des Weißen Hauses demonstrativ den Mundschutz abnehmen. Wer dachte da nicht an Franz Beckenbauer und seine Grundlagenarbeit über Meinungsfreiheit: Jetzt red i!
Diesmal sprach der Fürst selbst und nicht die 87 Ärzte, die sich um den Patienten kümmerten – wie um jeden anderen Amerikaner. Ein Gruppenfoto, das bei uns zur pauschalen Aberkennung der Approbation geführt hätte.
Schon weil sie den Ausflug genehmigt hatten.
Der Trip im Panzer ließ zunächst Hoffnungen aufkeimen. Man glaubte an eine Fahrt in die geschlossene Anstalt. Aber es ging zurück ins Walter Reed Hospital.
Am nächsten Tag entließ sich bekanntlich die Corona-Kapazität selbst.
Dieses Heldentum ist wahrlich ansteckend.
Seine Rückkehr per Helikopter ins nahe gelegene Weiße Haus gestaltete er wie den Flug des Phoenix aus der Asche. Wäre er wirklich in drei Tagen 20 Jahre jünger geworden, hätte er die paar Schritte auch zu Fuß gehen können.
Aber wir wollen nicht kleinlich sein.
Always look at the royal side of life - konzentrieren wir uns auf den royalen Inhalt.
Die Trumps werden in allen amerikanischen Medien – ob Feind oder Freund – als First Family bezeichnet. Melania Trump, die man kürzlich noch mieten konnte, ist die First Lady der Nation. Diese Bezeichnung erhält sie durch ihren Ehemann, der folglich der First Gentleman der Nation ist.
Merken Sie was? Nein, ich beziehe mich nicht auf die fehlenden Manieren des Präsidenten. Und auch nicht darauf, dass seine Frau das Amt für hemmungslose Geschäfte im Bereich Klamotten, Kosmetik, Klunker nutzt.
Es handelt sich um die Hervorhebung einer einfachen, und glauben Sie mir – sehr einfachen – Familie. Was reitet eine Nation, deren Vorfahren eingewandert sind, um der Willkür der Monarchie zu entgehen, royale Zustände wieder einzuführen?
Sprecher von Nachrichtensendern, die sich der Technologie des 21. Jahrhunderts bedienen, formulieren ernsthaft, dass „ihre Gebete an die First Family" gehen. Abgesehen davon, dass Gebete erwiesenermaßen wirkungslos sind – andernfalls hätten die Amerikaner einen anderen Präsidenten – stellen sie einen Rückschritt ins Mittelalter dar. Gerade erhielten zwei US-Wissenschaftler den Nobelpreis für Medizin. Das beweist, dass Gesundbeten aus dem Leistungskatalog der Ärztekammer entfernt wurde.
Wen das nicht überzeugt: Donald Trump ging ins Walter Reed Hospital und nicht in die Kirche. Dort lässt er sich fotografieren, nicht exorzieren.
Dem monarchischen Aufbau entspricht auch die Position des Vize-Präsidenten, an den man bei Pandemien öfter denken sollte. Und falls Sie mal mit Olaf Scholz sprechen – bei uns gibt es keinen Vize-Kanzler. Sollte sich Angela Merkel beim Yoga heillos verknoten, dann haben wir Neuwahlen. Die USA trifft es härter: Mike Pence wäre unvermeidlich.

Kommen wir endlich zum Kern der Sache.
Bilden die autokratischen Kräfte in allen Ländern die Rückkehr in die Monarchie ab?
Eindeutig: Ja!
Nachdem die Demokratien zu Oligarchien wurden, sieht das Stufenmodell der Herrschaft nur noch den Monarchen vor.
Es lebe Donald I!
Und bewahre uns vor Armin, Friedrich, Norbert und Olaf!


© Achim Krausz
www.spiegel-verkehrt.de

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