Er-Folge

Aus: "Vorwärts zu neuen Folgen" (Premiere 16. Mai 1987)

Autor: Achim Fröhlich

Personen:
Balthasar Schmucklos
Zahntechniker-Chef
Assistentin

(Plakat mit Zahnpasta- und Mundwasser-Reklame, aber auch mit Gebiss-Reklame deuten an, dass man sich in der „Zentralstelle für Zahnersatz" befindet. Die Techniker sind bei der Arbeit an falschen Gebissen.)

B.Sch.: (tritt bescheiden ein, spricht undeutlich wie ein Zahlloser)
Schön' guten Tag, mein Name ist Schmucklos, Balthasar Schmucklos. Ist hier die Zentralstelle für die Belieferung mit Zahnersatz?
Chef: Ja, Sie wünschen?
Schm.: Ich soll mir bei Ihnen mein Gebiss abholen.. auf den Namen Balthasar Schmucklos. Ist es fertig?
Ass.: Das ist fertig.
Chef: Ha, da werden Sie sich aber freuen, Herr Schmucklos, was?
Schm.: Ganz bestimmt! Und wie! Wo ich doch ein halbes Jahr darauf gewartet habe. Ohne Zähne, da hat man ja so große Schwierigkeiten, wissen Sie, zum Beispiel, beim Essen... und auch beim Sprechen!
Chef: Dafür bekommen Sie heute aber auch ein besonders schönes Gebiss.
Ass.: Darf ich's Ihnen mal geben, Herr Schmuck? (gibt es ihm)
Schm.: Los,....bitte! Schmucklos! Balthasar Schmucklos!
(Schmucklos setzt sich das Gebiss ein. Es ist jedoch so groß, dass Die Zähne weit aus dem Mund herausragen. Misstrauisch und verzweifelt betrachtet sich Schmucklos – gut sichtbar für's Publikum im Spiegel)
Chef: Na, passt doch prima, was?
Schm.: (sehr unsicher, spricht noch schlechter als vorher)
Nun, Uh, na-ja, das kann ich aber gar nicht finden!
Sind die falschen Zähne nicht viel zu groß?
Chef: Ich würde eher sagen, Sie haben einen viel zu kleinen Mund. Aber das ist schließlich Ihre Schuld!
Ass.: Außerdem: Mit den Zähnen erregen Sie überall Aufmerksamkeit!
Chef: Was glauben Sie, welchen Respekt da Ihre Familie vor Ihnen hat!
Ass.: Na, und Ihr Chef erst! Ha!
Chef: Vor Ihnen machen in der Bahn bestimmt alle Platz. Garantiert! – Überall werden Sie fixer bedient!
Schm.: Aber die Zähne sind d o c h viel zu groß!
Chef: Tja, im Moment werden nur diese großen Zähne hergestellt, Herr Schmucklos. Die kleineren kriegen wir vorläufig nicht rein.
Ass.: Sie hatten Pech, Sie sind gerade in eine Zahnlücke geraten, Export nach China!
Schm.: Aber ich sehe ja aus wie ein Bieber!
Chef: Sie!! Nichts gegen Biber! Sie stehen doch unter Naturschutz!
Schm.: Aber i c h will nicht unter Naturschutz stehen! Außerdem: Ich beiße mir ja selbst das Kinn ab!
Ass.: Schadet doch nichts. Aber sich selbst in den Arsch zu beißen können Sie sich nicht. Hihi! (lacht albern) zu komisch, was?
Schm.: Ich kann darüber nicht lachen.
Chef: Schade! Sie müssen aber mehr lachen! Lachen und nochmals lachen! – Dann fallen die großen Baffer weniger auf!
Ass.: Mit ihren neuen Zähnen sind Sie der Säbelzahntiger! Damit zerfetzten Sie das zähsten Schnitzel! Und sogar die Berliner Schrippen.
Schm.: (weinerlich) Ich sehe aber aus wie Dracula!
Chef: Dracula?? Den Genossen kenne ich nicht.
Schm.: Er war ein Vampir-Fürst!
Ass.: Na, hören Sie mal! Wir produzieren für die werktätige Bevölkerung der DDR und nicht für reaktionäre, blaublütige Nichtstuer!
Chef: Nun ja, angegeben: Wir haben zurzeit nur diese großen Zähne. Aber Sie sollten die Sache auch mal politisch sehen.
Schm.: Politisch? – Wieso politisch?
Chef: Na, überlegen Sie doch mal! Wir müssen schließlich immer und überall dem Gegner die Zähne zeigen! Parteilich! Durchdrungen! Und- offen!!
Schm.: Offen??
Chef: Nun, äh, das heißt in unserm Falle: Mund zu...
Ass.: und Zähne raus... die Zähne kämpferisch und verteidigungsbereit hervorstechend!
Schm.: Da wär' isch ja die reinste Abschreckungswaffe?!
Chef: Selbstverständlich, Herr Schmucklos, aber wir können doch dem Klassenfeind nicht zahnlos entgegentreten, wir müssen uns durchbeißen.
Ass.: Das gilt auch bei Sabogenten und Amateuren!
Schm.: Sie meinen Agenten und Saboteure?
Ass.: Oder so.
Chef: Die Impralisten sollen wissen, dass wir bewaffnet sind!
Schm.: Bis an die Zähne, ja?
Chef: (erschrocken) Das, haben Sie gesagt, Herr Schmucklos!
Ass.: Sie müssen sich eins merken. Je größer unsere Zähne, desto sicherer der Frieden.
Schm.: Da sind Sie aber nicht mehr auf dem neusten Verhandlungsstand. Je kleiner die Zähne umso sicherer.
Ass.: Am besten Zahnlos, dann kann keiner richtig zubeißen.
Chef: Außerdem zurzeit haben wir nur die großen Zähne auf Vorrat. Kleinere kriegen wir vielleicht in einem halben.. oder in einem viertel Jahr!
Ass.: Geben Sie doch ne Annonce auf! Oder fahren Sie nach Subl. Möglicherweise haben die dort diesmal nur kleine Zähne erwischt.
Chef: In der Provinz kriegen sie öfter als in Berlin 2. Wahl. Da lässt sich vielleicht ein Ringtausch arrangieren?!
Schm.: (wird plötzlich böse) Also, mir reicht's! Ich könnte dem Verantwortlichen glatt die Zähne einschlagen!
Chef: Mann. Herr Schmucklos, das ist  d i e  Idee!
Schm.: Wieso?
Ass.: Weil Sie dann gar keine Zähne brauchen; im Gefängnis sieht Sie ja kaum einer!
Chef: Und ... die dort werden vielleicht bevorzugt aus der Staatsreserve beliefert!!!

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