Zurück zu KABARETT NACH 1933...  

Erika Mann (1905 - 1969)

Und die "Pfeffermühle - Wand an Wand mit Hitler

Am 1. Januar 1933 eröffnete Erika Mann die "Pfeffermühle" in der Münchner Bonbonniere - Wand an Wand mit dem Hofbräuhauses, in dem Hitler 1920 das NSDAP-Programm verkündet hatte und in dem er kurz nach der Ernennung zum Reichskanzler erneut sprechen würde - und zwar zeitgleich zum Abendprogramm der Pfeffermühle. Erika Mann erzählte später: "Hitler sprach, wir spielten gegen ihn an, und Herr Frick (seit 31.01. Reichsinnenminister) hatte sich verkniffen, seinen Führer anzuhören, saß bei uns und fertigte 'Schwarze Listen' an, man sah ihn lebhaft kritzeln."

 

Was willst Du? Butter?! Freche Bohne!
Die Butter macht Dich faul und fett!
Weit wichtiger ist die Kanone
Und die Granate überm Bett. 
...
Den Pakt schließt man, um ihn zu brechen.
Da wundert sich bald keiner mehr.
Von Frieden spricht man, um zu sprechen.
Derweil marschiert das Militär. 

(Aus dem ersten Programm der Pfeffermühle)

In München - anders als zur gleichen Zeit in Berlin - waren solche Texte möglich, die Pfeffermühle war 2 Monate komplett ausverkauft. "Leute, die man in Berlin schon eingesperrt und mißhandelt hätte, erfreuten sich in München noch vollkommener Freiheit ... es blieb ihnen sogar unbenommen, den nazifeindlichen Scherzen der 'Pfeffermühle' Beifall zu klatschen" (Klaus Mann)

 

...
Man lügt und man betrügt sich durch die Woche,
Am Sonntag reicht es dann zu Wein und Huhn.
Mit Ehrlichkeit hat unsere Epoche,
Und mit Chrakater, ja nichts mehr zu tun.
...
Wenn wir's nicht hindern, sind wir schnell verloren, - 
Der Vogel Strauß macht große Politik;
Den Kopf im Sand bis über beide Ohren,
Zwitschert er dumpf: "Ich bin nicht für den Krieg".

Am Ende liegt die Welt in Schutt und Trümmern,
Die wir so listig-tüchtig aufgebaut.
Das Giftgas schwelt in unseren guten Zimmern -
Ich und mein Mann, wir geben keinen Laut.

Erika Mann wollte ihre Texte literarischer und politischer schreiben, als sie es in den Kabaretts von Berlin erlebt hatte. "Das heitere Gespött schien uns schon sehr fehl am Platz, ... Das ging uns gegen den Geschmack. Es durfte nicht getändelt werden bei uns, es mußte hinter dem Ganzen ein erhebliches Quantum Ernst stehen. Erst über den Ernst hinweg durften wir die Leute zum Lachen bringen."
Obwohl Erika Mann noch für die nächste Premiere im April 1933 wegen des Erfolges einen größeren Saal angemietet hatte, wurde ihr nach Wahlsieg der NSDAP (44%) am 5. März klar, dass sie mit ihrem Kabarett ins Exil gehen musste. Und entschied sich für Zürich, wo dann erst im September die nächste Premiere stattfand.

 

Na, nun raten SIe mal, wer ich bin?! 
...
Riech ich nicht nach Erde und nach Blut?
Und nach schönen Unbedenklichkeiten?!
Ja, ich hab zum Gräßlichsten den Mut!
Wurzle tief in sagenhaften Zeiten.
...
Künstler bin ich und als solcher kühn, -
Greif hinein ins volle Menschenleben.
Na, - nun raten SIe mal, wer ich bin, -
Kopf herunter, ich will Antwort geben!:

Bin Scharfrichter, -
Ja, ich richte wahrlich scharf.
Hau in Eile
Mit dem Beile
Kopf um Kopf ab
Weil ich darf!

 

1934 kam der Junge Robert Trötsch zur "Pfeffermühle", der später von 1953 bis 1956 Schauspieler an der DISTEL sein würde.
Die "Pfeffermühle" hatte in Zürich als erstes deutschsprachiges Exil-Kabarett und als erstes politisches Kabarett auf Schweizer Boden zunächst große Erfolge gefeiert. Zunehmend wurde es für das Kabarett schwierig, auch in der Schweiz aufzutreten. Man wollte es sich hier, nicht mit dem großen Nachbarn Deutschland verderben - und die Angst vor dem Kommunismus war größer als vor dem Faschismus. 
"Immer indirekt" war deshalb die Devise. "Kein Name - auch nicht der unseres verdorbenen Landes - ist je bei uns gefallen. Wir wirkten in der Parabel, im Gleichnis und Märchen, unmißverständlich, doch unschuldig - dem Buchstaben nach."

 

Das Megaphon
In jener Welt, die Lüge heißt,
Bin ich schon lange tätig.
Ich habe weder Hirn noch Geist.
Doch das ist heut nicht nötig.
Ich hetzte hier, ich hetzte dort
Die Menschen aufeinander.
Ich stehe stramm bei jedem WOrt
Im Dienst der Propaganda.

Ich bin kein Mensch, seht mich nur an,
Bin nur ein Megaphon, das spricht.
Ein Mund aus Belch, der schreien kann.
Doch selber denken kann ich nicht.
....

Jüngst sah ich einen neuen Staat,
Den man "legal" gegründet hat.
Die Männer standen auf vom Skat
Und riefen: "Heil dem neune Staat!"

Doch viele, die einst mitgemacht,
In gleichem Schritt und Tritte,
Es hat der Staat sie umgebracht,
Weil das bei ihm so Sitte.

Ich bin kein Mensch, seht mich nur an,
Bin nur ein Megaphon, das spricht.
Ein Staat aus Blech, der morden kann,
Doch Ordnung schaffen kann ich nicht.

Die Welt vergeht, die Erde stirbt,
Ich brülle wie ein Fieber,
Ich bin die Macht, die euch umwirbt,
Ich bin euch allen über.
Kein Unrecht, das ich nicht verschwieg,
Kein Recht, das ich nicht beugte.
Ich sammle für den nächsten Krieg,
Die Geister, die ich zeugte.

Die "Pfeffermühle" spielte in der Tschechoslowakei und in den Niederlanden - bis im Frühjahr 1936 Schluss war; auch in diesen Ländern gab man dem Druck Deutschlands nach. Erika Mann siedelt nach New York und feierte dort mit der "Peppermill" ihre letzte - leider erfolglose - Kabarett-Premiere und beendete ihre Bühnenarbeit. 

 

Bildquelle: Von World Telegram staff photographer - Library of Congress. New York World-Telegram & Sun Collection. http://hdl.loc.gov/loc.pnp/cph.3c19199, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1301645

Diese Webseite verwendet Cookies. Hinweise zur Verwendung und zur Einhaltung des Datenschutzes finden Sie hier. Hinweise zur Verwendung und zur Einhaltung des Datenschutzes finden Sie hier.