Schwierige Verständigung

Aus: "Vom Ich zum Wir - einmal hin und zurück" (Premiere 16. Oktober 1982)

Autor: Harry Fiebig

Bundesbürger und zwei DDR-Bürgerinnen im Café. Von draußen hört man Marschmusik (Wachaufzug). Die zweite Frau hat Mühe, dem Gespräch (rein akustisch) zu folgen.


Mann: Finden Sie das gut?
1. Frau: Was?
Mann: Dass da draußen Ihre Armee ... ?
1. Frau: Wieso meine Armee? Ist das nicht auch Ihre Armee?
Mann: Nein, ich komme aus der Bundesrepublik.
1. Frau: Deshalb also der Sekt! Sie müssen Ihre 25 Mark verquetschen!
Mann: Bleien wir bei meiner Frage. Finden Sie das gut, dass da draußen Ihre Armee, so mit Tschingdarassabum...?
1. Frau: Also, gegen Tschingdrassa hab' ich eigentlich nicht. Bloß gegen BUM!
Mann: Dann sind Sie also auch für den Frieden?
1. Frau: Auf wen bezieht sich das „auch"?
Mann: Auf mich zum Beispiel. Allerdings gehöre ich nicht zu den Ostermarschierern und
so.
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, er ist für den Frieden, aber er zeigt es nicht so!
Mann: Diese ganze lautschreiende Friedensbewegung ist doch von Moskau gelenkt.
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, Senator Kennedy wird von Moskau gelenkt!
Mann: So dürfen Sie die Sache aber nicht sehen.
1. Frau: Sie sehen sie doch so.
Mann: Ich sehe nur, dass es Zeit wird, auch in der DDR eine Friedensbewegung zu schaffen.
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, wir sollen die DDR nochmal gründen.
Mann: Ich habe gesagt, Sie sollen eine DDR-Friedensbewegung gründen.
1. Frau: Aber der Rat kommt leider 33 Jahre zu spät. Die DDR-Friedensbewegung haben wir schon am 07. Oktober 1949 gegründet. Wir könnten also höchstens alles nochmal von vorn...
Mann: Mir können Sie nichts vormachen. Wer hier wirklich konsequent für den Frieden eintritt, der wird doch verfolgt!
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, der Honecker wird hier verfolgt!
Mann: Wollen Sie etwa auf Ihre offizielle sogenannte Friedenspolitik anspielen? Sie scheiden doch ihre Schwerter auch nicht zu Pflugscharen um!
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, gegen Atomwaffen reichen auch Pflugscharen!
Mann: Da spürt man so richtig die Politik vom Kreml! Für Abrüstung bei der NATO, gegen Abrüstung bei den Russen!
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, Andropow ist gegen die Politik vom Kreml!
Mann: Wie, bitte?
1. Frau: Wenn der Kreml gegen die Abrüstung bei den Russen ist und der Andropow in Prag vorschlägt, dass die NATO und der Warschauer Pakt einen Nichtangriffsvertrag schließen sollen und weitere sowjetische Truppen hinter den Ural beordert, ist er doch offensichtli8ch gegen die Politik vom Kreml.
Das sollten Sie die USA Fragen. Die haben ja gerade mit der BRD ein entsprechendes Abkommen getroffen. Bloß, dass da die Truppen von hinten nach vorne kommen.
Mann: Lassen wir diese Details! Beantworten Sie mir lieber ganz konkret die Frage: Wie stehen Sie zu der Lösung: Frieden schaffen ohne Waffen.
1. Frau: Positiv!
Mann: und warum halten Sie sich nicht daran trotz Ihrer Friedensparolen?
Wie reimt sich das zusammen?
1. Frau: Nun, wenn man Angina hat, macht man sich einen Schal um und schluckt Tabletten. Die Tabletten sind gegen die Angina, nicht gegen den Schal. Aber, wenn man die Angina los ist, macht man auch den Schal ab. Allerdings keinen Moment früher!
Mann: Aber, den Schal haben Sie ja nur gezwungener Maßen um und nicht, weil Sie das besonders schick finden!
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Er sagt, jetzt hat er's begriffen!
Mann: Drehen Sie mir nicht das Wort im Munde um. Sie haben einfach Furcht vor der Lösung: Schwerter zu Pflugscharen.
1. Frau: Dann nenn' ich mal nur ein paar Fakten: Keine weitere Modernisierung der sowjetischen Raketen; keine Stationierung sowjetischer Raketen im europäischen Raum! Der Warschauer Pakt hat also zumindest das Schwert schon neben den Amboss gestellt. Wo steht das Schwert der NATO?
Herr Ober, bitte zahlen!
2. Frau: Was hat er gesagt?
1. Frau: Jetzt sagt er gar nichts mehr!
2. Frau: Sie müssen schon entschuldigen; ich versteh' ein bisschen schwer.
1. Frau: Da brauchst Du Dich nicht zu entschuldigen, Clara.
Du verstehst bloß ein bisschen schwer, der versteht überhaupt nichts.

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