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Werner Finck (1902 - 1978)

Und die KATAKOMBE in Berlin

Der Schauspieler Werner Finck war der Direktor der „Katakombe", die er im Oktober 1929 zusammen mit einer Gruppe junger Künstlerinnen und Künstlern - unter ihnen Ernst Busch, Kate Kühl, Isa Vermehren und die Autoren Kurt Tucholsky, Theo Lingen und dem Komponisten Hanns Eisler* - gründete und die im Keller des „Vereins Berliner Künstler" ihre Spielstätte fand. "'Als Zufluchtsort der letzten Christen', wie Finck unter Hinweis auf das Katakomben-Dasein der ersten Christen im alten Rom in seiner Eröffnungsconférence ironisch vermerkte." (1)  Ihr politisch-literarisches Brettl-Theater war bald sehr populär in der Stadt.

Werner Finck begeisterte das Publikum als Conferencier mit seinen scheinbar harmlosen aber subtil-doppeldeutigen Wortspielen zu einer Zeiten, in denen die Machter der Nationalsozialisten immer stärker wurde.

 

„Das letzte Programm hatten wir im Dezember 1932. Dann kamen die mit ihrem Programm im Januar. Und nun wir wieder am 1. März. Da war es nun entscheidend, was gesagt wurde. Drei SA-Leute plötzlich dabei, ja, und die Spannung. Der erste Satz musste sitzen. Oder wir."

Propagandaminister Joseph Goebbels entging die unverschämte Satire der Katakome und ihre Beliebtheit beim Publikum nicht.

 

„Die unruhigen Zeiten sind vorbei, man kann wieder auf Jahrtausende hinaus disponieren."

Wortspiel über eine angeblich gepflanzte Hitler-Eiche: „Vor ein paar Monaten war sie noch ganz klein, gerade bis zu meinen Knöcheln, dann reichte sie mir bis an die Knie, und jetzt steht sie mir schon bis zum Hals."

Als die Katakombo kurzzeitig geschlossen wurden, sagte Finck bei der nächsten Vorstellung: "Meine Damen und Herren, gestern war die Katakombe zu ,aber heute sind wir wieder offen und wenn wir morgen zu offen sind sind wiir übermorgen wieder zu."

Ab 1934 sandte Goebbels regelmäßig Spitzel zum Mitschreiben in die Vorstellungen. Werner Finck sprach die Geheimpolizisten völlig unerschrocken sogar direkt an.

 

„Entschuldigen Sie, sprech' ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder soll ich mitkommen?"

Gefunden auf dem Youtube-Kanal "Emil & Grundeis"


Im Sommer 1935 ließ Goebbels das Kabarett schließen. Im Besonderen empörte Goebbels Werner Fincks Sketch "Beim Schneider":

 

Kunde: „Ich möchte einen Anzug haben, weil mir was im Anzug zu sein scheint."
Schneider: „Ich habe neuerdings eine ganze Menge auf Lager."
Kunde: „Aufs Lager wird ja alles hinauslaufen."
...

Schneider: "Dann darf ich vielleicht mal maßnehmen."
Kunde: "Doch, doch,das sind wir gewohnt."
Schneider: „Ach, bitte stehen Sie doch einmal grade. Und jetzt bitte den rechten Arm hoch. Mit geschlossener Faust: 18, 19. Und jetzt mit ausgestreckter Hand: 33 – ja warum nehmen Sie den Arm nicht runter? Was soll denn das heißen?"
Kunde: „Aufgehobene Rechte!"

Werner Fink und seine Kollegen kommen zur „politischen Umerziehung" ins Konzentrationslager Esterwegen. Dort wagten sie selbst im Angesicht des Todes noch Humor:

 

„Früher hatten wir Angst, ins KZ zu kommen. Diese Angst haben wir heute nicht mehr." 

Jedoch nur für kurze Zeit, denn die einst mit Hermann Göring liierte Schauspielerin Käthe Dorsch kann Göring überreden, die Freilassung zu bewirken. 

Goebbels will mit einem öffentlichen Schauprozess gegen die Künstler der Katakombe ein Zeichen setzen, der aber zur Farce gerät. Denn die dort nachgespielten Kabarettnummern erheiterten die Zuschauer. Der Prozess endet mit Freispruch, aber die Angeklagten erhalten ein Jahr Arbeitsverbot.

 

"An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor."

1936 schreibt Finck Kolumnen für Zeitungen und tritt auch wieder auf. Als er 1939 völliges Berufsverbot erhält, meldet er sich freiwillig bei der Wehrmacht, um einer weiteren Inhaftierung zu entgehen.

 

"Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muß, wenn ich nicht hinter ihr stehe."

Erst nach dem Krieg kann er wieder als Kabarettist (in München, Schweiz) arbeiten - und spottet nun über die Deutschen, die alle keine Schuld hatten.

 

Beim Ziegelputzen zu singen

Hier vertont und vorgetragen vom Kabarett Radau:

Text: Werner Finck | Musik: Radau und Düring


"Finck ist der Conférencier der Andeutungen, der unausgesprochenen, verborgenen Pointe. Diese 'Technik' erwies sich besonders in der Nazi-Ära als wirksame Tarnung der kleineren und größeren Spitzen, die er gegen das herrschende Regime verteilte. Karl Kleinschmidt (Mitwirkender in der "Katakombe") berichtete: 'Es war überhaupt nicht einfach, ihm etwas nachzuweisen. Er hatte eine Methode des Zwischen-den-Worten-Sprechens entwickelt, der schwer beizukommen war. Da konnte man noch so genau mitschreiben: Im Protokoll war hinterher einfach nicht zu entdecken, worüber das Publikum denn nun eigentlich so untermenschlich gelacht hatte.'" (1) 

P.S. Werner Finck besuchte in den 60er Jahren die DISTEL und traf das Ensemble und den damaligen Dirketor Hans Krause.


* Karl Kleinschmidt kommentierte die Entscheidung von Ernst Busch, die "Katakombe" zu verlassen: "Der aufkeimende Faschismus ärgerte sich an der Katakombe, sie übrigens auch an ihm und meinte, ihn totlachen zu können. Totlachen konnte man im damaligen Deutschland aber nur sich selbst. Ernst Busch hatte keine Lust dazu. Er nahm den Faschismus ernst und hielt nicht damit hinter den Busch. Was sollte es für einen Sinn haben, liberale Bürger über den Faschismus lächeln zu machen, die belustigt Beifall klatschten und sich ernsthaft auf ihn einzurichten begannen? - Ihn trieb es zu den Arbeitern und in den wirklichen Kampf." (1)

(1) Rainer Otto, Walter Rösler: "Kabarettgeschichte. Abriß des deutschsprachigen Kabaretts")

 


 

Bildquelle: Von Alexander Binder (* 1888 in Alexandria; † 25. Februar 1929 in Berlin) - Volker Kühn: Die zehnte Muse - 111 Jahre Kabarett. vgs Verlagsgesellschaft Köln, 1993, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=6119915 | Die Schutzdauer für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei.

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