16.01.2019

No. 40

Arm, aber Brexi!

Teil 2: Da steh’ ich nun, ich armer Tory

 Der Brexit wird teurer als gedacht. Wobei: „Gedacht“ ist beim Brexit ein starkes Wort! Was 2016 als riesige Toryheit begann, geht 2019 als Farce noch lange nicht zu Ende.
Der Euro-Tunnel wird verfüllt, Frontex patrouilliert im Ärmelkanal und James und Miss Sophie haben längst Asyl in Deutschland beantragt. Tausende Briten fliehen derzeit auf den Kontinent. Doch Pech: Die Normandie ist seit 75 Jahren dicht! Weitere trübe Aussichten für die Angelsachsen im Überblick.

  Autor: TILMAN LUCKE

 

Gar nichts neu macht die May! Die britische Premierministerin geht gar nicht – und geht trotzdem nicht. Lakonisch kommentierte der ehemalige britische EU-Kommissar Chris Patten die Tragikomödie um den Brexit: „Das Königreich ist irgendwo falsch abgebogen.“

Die Geisterfahrt auf der Insel ist noch lange nicht beendet. Wird es nach der verweigerten Zustimmung zum Ausstiegsdeal Neuwahlen geben? Die Konservativen haben 2010, 2015 und 2017 drei Parlamentswahlen in Folge einzig mit EU-Bashing gewonnen, dann müsste sich auch noch die nächste gewinnen lassen. Denn soll wirklich die Labour-Partei ans Ruder, um die Insel in sichere Gefilde zu steuern? Die Partei beweist täglich, dass sie mit der SPD verwandt ist, und positionierte sich schon im September 2018 auf ihrem Parteitag eindeutig: „Wir unterstützen alle verbleibenden Optionen.“ Da lohnt es sich doch, sie zu wählen!

Soll die Queen selbst regieren? Mit der Regierungschefin die Plätze tauschen? Die Sphinx Theresa May lässt inzwischen überhaupt nicht mehr durchblicken, was sie will – eigentlich ein Markenzeichen der Queen. Mit ihren 92 Lenzen ist diese auch noch deutlich fitter als May. Und die Königin besitzt alle Schwäne auf der gesamten Insel – in Zeiten möglicher Lebensmittelengpässe ein durchaus schmackhaftes Argument.

Oder soll jemand aus ihrer eigenen Partei May ersetzen? Boris Johnson wäre ein Kandidat, lehnt sich aber noch bequem zurück: Die semmelblonde Oscar-Wilde-Parodie trat im Juli 2018 als Außenminister zurück und schreibt nun wieder als Journalist gegen die gemäßigte Politik seiner Vorgängerin an. Manchmal stimmt die Bezeichnung „Lügenpresse“ einfach.

Als Premierminister wäre der Brexorzist Johnson international gut vernetzt: Mit ihm, seinem Frisurensharing-Partner Donald Trump, Geert Wilders in den Niederlanden und Marine Le Pen in Frankreich ist der Blondinenwitz international wieder salonfähig geworden. Die vier machen demnächst zusammen eine Boyband auf: „Fake that“. Ihren ersten Hit haben sie auch schon: „Ich krieg’ die Friese“.

Frisurenwitze – immer ein bisschen aufgesetzt. Proteste deshalb bitte unter dem Hashtag #MeToupet! Doch zurück zu den wesentlichen Problemen des Brexit.

Der drohende Engpass an der Grenze wird auf Hochtouren vorbereitet: Im Dezember beauftragte die Regierung eine Firma, für 13,8 Millionen Pfund den Fährverkehr nach Belgien sicherzustellen. Einziger Schönheitsfehler: Die Firma verfügt über kein einziges Schiff. Sie scheint eine Vertreterin des guten englischen Humors, des Understatements, zu sein: Sie gibt vor, Schiffe zu haben; Großbritannien gibt vor, eine Seemacht zu sein; und Theresa May gibt vor, Regierungschefin zu sein.

Es kommt noch schlimmer: Die AGBs hat jene Fake-Firma allem Anschein nach von einem Essens-Lieferservice kopiert. Name der Reederei: „Fish ’n’ ships“.

Wohl noch nie haben Parlamentsmitglieder so oft in Folge gegen ihre Überzeugung abgestimmt wie die britischen Abgeordneten in den letzten Monaten beim Thema Brexit: Dutzende vorbereitende Kleingesetze wurden bereits verabschiedet, obwohl erklärtermaßen über zwei Drittel des Parlaments nach wie vor gegen einen Brexit sind. Das Land, das die Parlamentssouveränität erfunden hat, trägt das knappe Ergebnis einer Volksabstimmung als Fetisch vor sich her, das lediglich durch Fake News errungen wurde. Selbstverleugnung und Selbstentwürdigung, wie sie sonst nur im Dschungelcamp vorkommt. Wie gut, dass die EU-Grundrechtecharta nicht in Großbritannien gilt!

Der Vergleich Großbritanniens mit dem Dschungelcamp hinkt übrigens: Im Dschungel ist das Essen besser.

 


Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night", "Zwei Päpste für ein Halleluja" und in seinem Soloprogramm "Verdummungsverbot".

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