29.01.2019

No. 41

Die Feta Morgana am griechischen Horizont

Die griechische Zypressung und andere Mäzchen im Faktencheck.

Die Welt steht auch im neuen Jahr weiterhin Kopf: Venezuela kann sich mangels Bananen nicht einmal mehr Bananenrepublik nennen, der Brexit bleibt verworren wie ein doppelter Windsorknoten, und in Frankreich protestieren die Gelbwesten gegen steigende Benzinpreise, weil dadurch ihre Molotow-Cocktails teurer werden. Einzig ein Krisenherd entspannt sich nach fast drei Jahrzehnten: Zwischen Griechenland und Mazedonien ist eine Verständigung am Horizont erkennbar. Hoffentlich ist das keine Feta Morgana!

Autor: TILMAN LUCKE

 

Die alten Griechen haben die Demokratie erfunden, die neuen Griechen erfinden sogar ganz neue Länder! Neuestes Patent der Griechen ist ihr nördliches Nachbarland Nordmazedonien. Die griechische Regierung blockiert seit vielen Jahren die Aufnahme von Mazedonien in NATO und EU; als Hauptgrund gilt der Landesname, weil es in Griechenland eine Provinz gibt, die genauso heißt. Nun hat die hochgerüstete Polis Angst, die aus ihrer Sicht „falschen“ Mazedonier könnten ihnen ihre Provinz abspenstig machen. Das behauptet jedoch jenseits der Grenzen kein einziger Politiker.

2018 war fieberhaft nach einem Landesnamen gesucht worden, der alle Seiten zufriedenstellen sollte: Zur Diskussion standen „Mazedonien-Skopje“, „Obermazedonien“ oder „Ilinden-Mazedonien“, benannt nach der bekannten Straße in der Hauptstadt: Unter den Ilinden. Oder nach dem Nationalheiligen, aber das ist weniger lustig. Die Einwohner hätten dann Ilindianer heißen können, das hätte ihren Status gegenüber den Griechen gut unterstrichen. Schlussendlich wurde ein Vertrag zwischen beiden Ländern unterzeichnet und ratifiziert, der das Land zu „Nord-Mazedonien“ macht.

Wenn die Methode, mit Edding im Atlas den Namen des Nachbarlandes zu korrigieren, Schule macht, könnte irgendwann die Sächsische Schweiz auf die Idee kommen, die echte Schweiz zu verklagen. Am Ende blockiert Sachsen noch den EU-Beitritt der Schweiz! Oder die am Ufer der Moldau wohnenden Einwohner von Prag verklagen Rumänien, da dort eine Region nach einem Fluss gleichen Namens benannt wurde, und diese Region wiederum erklärt dem Nachbarland Moldau den Namenskrieg...

Oder Angela Merkel stellt fest, dass unser westlicher Freund Frankreich heißt – und dass wir eine Provinz namens Franken besitzen. Die ist wirklich provinziell. Und wir wollen doch nicht, dass sie uns abhanden kommt. Andererseits: Wenn sich dadurch auch Markus Söder loswerden lässt, wäre das wohl völkerrechtlich vertretbar. Nun ruft die Kanzlerin jedenfalls bei Emmanuel Macron an und verlautbart: „Nicht wundern, Macrönchen, ich hab’ euch vorhin bei der UNO umgemeldet, ihr heißt ab sofort Macronesien.” Und da kann Macron noch froh sein, denn unter dem letzten Präsidenten hätte sich der Fußballweltmeister Holland heißen müssen. Das wiederum hätte neuen Ärger gegeben, denn so heißen ja auch ein bis zwei Provinzen in den Niederlanden.

Was an diesen Beispielen extrem absurd klingt, praktiziert Griechenland ganz legal: Es zwingt dem Nachbarland einen Staatsnamen auf, wenn es in die EU will. Die Regierungspraxis nach dem Motto „Große Schnauze und keen Zahn drin“ ist übrigens schon lange Ouzus in Athen: Zypern – beim Blick auf die Landkarte erschließt sich, dass die Insel gar nicht in Europa liegt – wurde 2004 in die EU aufgenommen. Natürlich nur der südliche und somit noch weiter entfernte Teil. Sein Grenzproblem hat der Zwergstaat bis heute nicht gelöst. Die griechische Regierung hatte 2002 gedroht, andernfalls die gesamte EU-Osterweiterung platzen zu lassen. Eine regelrechte Zypressung. (Aus heutiger Sicht allerdings eine interessante historische Alternative.) Wir warten übrigens auf juristische Schritte des griechischen Regierungschefs Tsipras gegen Zypern wegen Diebstahls seines Namens.

Wenn die EU-Troika das nächste Mal in Griechenland einmarschiert – Verzeihung, zu Besuch kommt, sollte das Wort „Fremdbestimmung“ möglichst nicht fallen.

 


Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night", "Zwei Päpste für ein Halleluja" und in seinem Soloprogramm "Verdummungsverbot".

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