11.06.2019

No. 58

SPD – nur auf die Fresse fliegen ist schöner! Die besten SPD-Vorsitzenden, Teil 1

Die alte marxsche Traum vom Ende der Geschichte ist nah – zumindest für die SPD: Nur noch weitere 15,8 Prozentpunkte verlieren, dann ist Ende Gelände in der Parteienlandschaft. Andrea Nahles, die singende Säge am Prozentbalken der SPD, ging gar nicht und ging deshalb. Nach ihrem Rücktritt sollen nun drei Vizes mit vier Nachnamen den Übergang gestalten. Hoffentlich bekommen sie dafür kein Geld, denn gewerbsmäßige Sterbehilfe ist ja verboten. Wie kam es so weit? Hier die ganze Geschichte.

Autor: TILMAN LUCKE

Schon Jürgen Becker wusste: Auf einen Willy Brandt folgen sieben Rudolf Scharpings. Aber damit hat er unrecht – denn inzwischen sind es mehr als doppelt so viele: Seit 1987 verwesten insgesamt 17 verschiedene Genossen die älteste Partei Deutschlands. Davon mit sieben Jahren am längsten tatsächlich Sigmar Gabriel, der trotz allem in seinem Lebenslauf damit angeben kann, den Makel einer SPD-Kanzlerkandidatur stets vermieden zu haben.

Was bisher geschah: Willy Brandt hatte nach der verlorenen Wahl 1987 einen Grund zum Hinschmeißen gesucht, um sich fortan nur noch feiern zu lassen und international herumzutreiben. Er fand Frau Doktor (1986 bis 2012) Margarita Mathiopoulos, die er als damals Parteilose zur SPD-Pressesprecherin machen wollte. Die Partei protestierte, und Brandt hatte seinen Rücktrittsgrund. Nach 23 Jahren SPD-Vorsitz präsidierte er noch fünf weitere Jahre der Sozialistischen Internationalen und eröffnete 1990 den gesamtdeutschen Bundestag als Alterspräsident. Lebenslauf: Check.

Hans-Jochen Vogel folgte Brandt nach, er hatte sich bereits 1983 als Schlattenschammes verdingt, als er bei der vorgezogenen Bundestagswahl fünf Monate nach dem Machtverlust den Alibi-Kanzlerkandidaten gab. Bei dem aussichtslosen Unterfangen holte er „klägliche“ 38 Prozent. Mit wie viel Prozent möchte Olaf Scholz noch mal nächster Kanzler werden?

Vogel ging 1991 als treuer Parteisoldat mit 65 in Rente und löste seine Büroklammersammlung auf. Er machte Björn Engholm Platz, einem vielen kommenden Kanzler der letzten Jahrzehnte. Aus dem Duell „Kiel gegen Kohl“ wurde nichts, statt Waterkant kam Waterloo: Engholm wurde Opfer der Schubladenaffäre, als sich herausstellte, dass er bereits vor der Barschel-Affäre von dessen Machenschaften gewusst hatte. (Heute sind Machenschaften eine Einstellungsvoraussetzung als SPD-Chef.) Verglichen mit anderen Opfern des Mega-Rücktrittsjahrs 1993 – Möllemann tot, Jochen Wolf im Knast, Günther Krause nicht einmal prominent genug fürs Dschungelcamp – geht es Engholm erstaunlich gut. Vor allem schweigt der Ex-Politiker seither. Auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme.

Nach einem Intermezzo von anderthalb Monaten Johannes Rau war nun der Weg frei für die berühmte „Troika“ Schröder/Lafontaine/Scharping. Eine Troika kennt man ja nur von den ganz großen Erfolgsstorys: vom Bosnienkrieg, der Griechenkrise und der SPD. Die Wahl 1994 schien für die SPD schon gewonnen, und es galt nur als Detailfrage, wer für die Partei ins Kanzleramt einziehen würde. In diesem Anflug vorgezogener Siegestrunkenheit entschied man sich für das Waldorf-Prinzip „Der Langsamste bestimmt das Tempo“ und machte Rudolf Scharping zum Parteichef und Kanzlerkandidaten. Seinen Platz als Ministerpräsident in Mainz überließ er Kurt Beck, der sich Jahre später ebenfalls in die Riege der Abgesägten einreihen würde.

Scharping verlor die Wahl, merkte es aber erst ein Jahr später. Nach dem Sturz durch Lafontaine 1995 folgte ein Gnadenbrot als Verteidigungsminister, bevor er sich 2001 mit Kristina Gräfin Borggreve-Pilati liebestrunken im Abklingbecken fotografieren ließ und sich die Spitznamen „Bin Baden“ und „Durchlauchterhitzer“ verdiente. Seit 2005 scheitert er als Radfahrerpräsident am Ziel, die Fahrradhelmquote zu erhöhen – dem sogenannten „Helmet Goal“ – ebenso wie schon 1994 am fast gleichnamigen Bundeskanzler. 2019 darf man froh sein, dass Verkehrsminister Scheuer für seine Kampagne „Looks like shit“ nicht ihn in Badehose und Fahrradhelm ablichtete.

Wird sich die Partei nach Scharping wieder berappeln? Wie Lafontaine den Mann heim schickte, wie Schröder sich ins russische Exil regierte und wie Matthias Platzeck als einziger zu kurz im Amt war, um Fehler zu machen – lesen Sie all das in Teil 2!

 

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