02.09.2019

No. 67

Boris Johnsons Antrittsbesuche – blondes Gift auf Reisen

Opportunismusweltmeister

 

Haben Sie sich auch immer gefragt, wo die Briten in den neunziger Jahren das ganze BSE hingetan haben? Die Antwort findet sich seit Ende Juli in Downing Street Nummer 10. Der größte Gegner des Unterhauses seit Guy Fawkes steuert die „Britanic" auf die dritte, völlig unverrückbare Brexit-Frist zu. Wer sind Boris Johnsons historische Vorbilder? Ein Preuße, ein Türke, ein Katalane – und die Kanzlerin.

 

Autor: TILMAN LUCKE

 

  

Ach, wäre die Grenze nur schon dicht! Europa ächzt unter Boris Johnsons Antrittsbesuchen. Jener in Berlin war keine große Meldung, weil Merkels Zitteranfall ausblieb. Stattdessen gab es einen Zitieranfall: Der Premierminister kommentierte seine Vision, ohne Deal, aber mit Deal aus der EU auszuscheiden, auf Deutsch: „Wir schaffen das.“ In Deutschland mussten Minister schon für kleinere Plagiate zurücktreten. Doch Angela Merkel wirkte zufrieden, als sie sah, dass es ein Unterfangen gibt, auf das ihr berühmter Satz noch weniger zutrifft als auf ihre Flüchtlingspolitik.

 

Weiter ging’s für den heiteren Horrorclown zum G7-Gipfel nach Biarritz. Ein anderer großer politischer Opportunist, der liebestolle Fürst von Bismarck, wäre 1862 in Biarritz beinahe ertrunken, als er mit seiner russischen Geliebten baden ging. Wer rastet, der rostet – das gilt erst recht für einen Eisernen Kanzler im Wasser. Gerettet wurde er von einem französischen Leuchtturmwärter, der in Kenntnis dessen, was Bismarck noch alles politisch anstellen sollte, vermutlich anders gehandelt hätte. 157 Jahre später hätte Russlandfreund Johnson beim G7-Gipfel zwar Gelegenheit gehabt, baden zu gehen. Doch der sympathische Wirrkopf mit dem Downing-Syndrom schwimmt weiter oben.

 

Auch das Schicksal seines Urgroßvaters Ali Kemal aus dem Morgenland wäre ein interessantes für den hochbegabten Märchenerzähler: Kemal war kurzzeitig türkischer Innenminister, zerstritt sich dann aber mit dem halben Kabinett und trat zurück. Beim Betreten eines Friseursalons in Istanbul wurde er 1922 vom Mob gelyncht. (Nun gut, das Betreten eines Friseursalons kann Johnson nicht passieren.) Wie sein Vorfahr zu Atatürk, so steht Johnson zu Erdoğan: 2016 gewann er einen Limerick-Wettbewerb zum Zweck der Beleidigung des türkischen Staatschefs. Das gab Gemecker.

 

Bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel könnte sich das blonde Gift von Carles Puigdemont inspirieren lassen. Der Katalanen-Boss wohnt bereits seit zwei Jahren in Brüssel, bezeichnenderweise in dessen prominentem Vorort Waterloo. Nicht ganz freiwillig. Aber so ungezwungen kommt der Briten-Trump ja schließlich auch nicht in die EU-Hauptstadt. Wie Johnson gewann auch Puigdemont ein umstrittenes Abspaltungsreferendum, jedoch im Unterschied zu ihm sogar ohne Fake News.

 

Am 1. November wird Ursula von der Leyens Kommission ihr Amt antreten, genau einen Tag nachdem „Bo Jo“ die „Britanic“ über die Klippe gesteuert haben will. Aus diesem Grund hat er (noch) keinen EU-Kommissar für die Leyen-Truppe nominiert. Doch es wäre überraschend, wenn er uns nicht auch diesmal überraschte: Falls der Brexit-Termin abermals verschoben wird, muss doch noch ein Brite kurzfristig in das Gremium aufrücken, das all die sinnlosen und wahnsinnigen Maßnahmen, mit denen Boris Johnson Stimmung gegen Europa macht, gar nicht beschlossen hat. Und wer wäre für diesen Job in Belgisch-Sibirien besser geeignet als einer, der in seinem Heimatland gnadenlos versagt hat und nach seiner Abwahl dringend einen neuen Job im Exil braucht? – Richtig. Bühne frei für EU-Erweiterungskommissar Boris Johnson!

 

 


Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night" und in seinen Soloprogrammen "Verdummungsverbot" und "Lucking zurück".

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