05.09.2019

No. 68

Boris Johnson – borniert to be Wilde

Der charismatische Chaos-Clown

Boris Johnson, eine unseriöse Kreuzung aus Boris Becker und Boris Jelzin, bereitet mit Macht sein ultimatives Vermächtnis vor: den ungeordneten Brexit. Der charismatische Chaos-Clown und Hobby-Herostrat hat sichtlich Spaß dabei. Wir haben das literarische Vorbild dieser britischen Drama-Queen gefunden.

Autor: TILMAN LUCKE

 

Vom großen Oscar Wilde stammt ein Zitat, an das sich der britische Premierminister Boris Johnson bei seinen Antrittsbesuchen in der EU hielt:

„Wenn man einen Besuch macht, ist es in der Absicht, die Zeit anderer Leute zu vergeuden, nicht die eigene.“

Wilde und der blonde Polit-Psychopath Johnson haben nicht nur auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten. Wie Wilde, der Vater aller Dandys, achtet Johnson beispielsweise extrem auf sein Äußeres: Out-of-bed-Man wird regelmäßig dabei beobachtet, wie er sich direkt vor Fernsehinterviews noch mal durch die Haare wuschelt und prüft, ob sein Hemd zerknittert genug ist. Auf derlei äußerliche Nachlässigkeiten angesprochen, könnte er mit einem weiteren Zitat parieren:

Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.“

Auch wenn Oscar Wilde Ire war und den Brexit sicher nie angezettelt hätte (oder gerade deswegen doch?), bedient sich der britische Premier großzügig im Zitatenschatz des Dramatikers: Mochte ihm auf seine Fake News in der Brexit-Kampagne mancher entgegenrufen: „Was für ein absurder Grund!“, hätte er mit der Lord Goring, dem Dandy aus dem Theaterstück „Ein idealer Gatte“, locker antworten können:

„Alle Gründe sind absurd.“

Dass die Versprechungen, mit denen der verschlagene Verfassungsvandale und seine Pubkameraden Farage und Rees-Mogg den Referendumswahlkampf entscheidend beeinflussten, allesamt gelogen waren, könnten sie ihrem Stimmvieh heute freimütig gestehen, denn:

Die Wahrheit erkennen wir immer erst dann, wenn wir mit ihr absolut nichts mehr anzufangen vermögen.“

Wenn ihn Macron auf dem nächsten EU-Gipfel zeiht, er rede beständig Unsinn, wird er mit Algernon Moncrieff aus „Ernst sein ist alles“ entgegnen:

„Nun, das ist besser, als sich beständig welchen anzuhören.“

Geht es beim Gipfel um die Brexit-Schlussrechnung in Höhe von 44 Milliarden Euro, könnte der Schofelschopf frech wie Oscar erwidern:

Nur ein Mann, der seine Rechnungen nicht bezahlt, darf hoffen, im Gedächtnis der Kaufleute weiterzuleben.“

Und hätte damit abermals recht. Würde Macron ihn aber wie Lord Gorings Vater, der ehrwürdige Lord Caversham, indigniert fragen: „Verstehen Sie eigentlich immer, was Sie sagen?“, wäre die Antwort natürlich:

„Ja – wenn ich aufmerksam zuhöre.“

Ende Oktober wird es mal wieder um alles und nichts gleichzeitig gehen: Johnsons Gruselkabinett aus handverlesenen Brexit-Irren will pünktlich zu Halloween die EU verlassen.

„Die Weltgeschichte ist die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre.“

Nach dieser weiteren Wilde-Weisheit macht sich „Bo Jo“ seit Juli mit Schwung an das Vermeidbare. Alles ist möglich: Parlamentsrevolte, Misstrauensvotum, Neuwahl, No-Deal-Brexit oder gar die Absage des ganzen Unterfangens. Die ARD-Korrespondentin Annette Dittert kommentierte sogar: „Viele Tories, die ihn wider besseres Wissen gewählt haben, denken, er ist der einzige, der wirklich so sehr Opportunist ist, dass er eine 180-Grad-Wende hinlegen kann und am Ende vielleicht ein zweites Referendum ausruft.“

Es gibt auch Unterschiede: In Boris’ heutigem Alter war Oscar schon elf Jahre tot. Für die englische Kultur wäre es wohl andersrum besser gewesen. Ein Stück mit dem Titel „Eine Frau ohne Bedeutung“ war 1893 ein komödiantischer Hochgenuss; von dem halbseidenen Hanswurst in der Downing Street geschrieben, wäre es lediglich ein Pamphlet gegen seine Amtsvorgängerin – wie hieß sie noch?

Wie auch immer: Wenn der in New York geborene Trump-Klon im Herbst als einer der kürzestamtierenden britischen Premiers in der Versenkung verschwinden wird, schreiben seine Partei-„Freunde“ vermutlich ein ganz anderes Wilde-Zitat auf den politischen Grabstein des pfiffigen Wahnsinnigen:

Um manche Delikte zu begreifen, genügt es, die Opfer zu kennen.“

 

 


Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night" und in seinen Soloprogrammen "Verdummungsverbot" und "Lucking zurück".

 

 

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