26.11.2019

No. 80

Bauer sucht Stunk

#Landschafftverbindung

Das Landleben ist kein Zückerrübenschlecken. Deshalb fahren Bauern aus ganz Deutschland nach Berlin, um ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Damit hat ihre Wut schon mal mehr Auslauf als ihre Nutztiere. Irgendwo muss man ja anfangen.

 

Autor: MARTIN VALENSKE

 

 

Auch der moderne Stadtbewohner des 21. Jahrhunderts muss ehrlicherweise zugeben: Bauern sind seit Jahrtausenden die Stützpfeiler der menschlichen Zivilisation. Das gibt aber keinem Bauern das Recht, sich wie der letzte Vollpfosten aus der Jungsteinzeit aufzuführen. Denn wenn Sie glauben, dass Forderungen wie »Weniger Pestizide im Naturschutzgebiet«, »Weniger giftiges Nitrat in unserem Grundwasser« oder das Eingeständnis des menschengemachten Klimawandels Konsens wären, dann sind Sie wohl auch ein links-grün versiffter Stadtmensch. Ominöse Organisationen wie der »Deutsche Bauernverband« oder »Land schafft Verbindung« präsentieren eigene Zahlen und Rechnungen und vermuten hinter wissenschaftlich abgesicherten Fakten zu Klimawandel, Umweltbelastung und Insektensterben die ganz große Verschwörung gegen den deutschen Landwirt. Hier gilt Bauernregel Nummer eins: Trauen Sie der Agrarlobby nur so weit, wie Sie einen Mastbullen werfen können.

Wen wundert es also, dass die AfD die einzige im Bundestag vertretende Partei ist, die sich alle Forderungen der protestierenden Bauern zu eigen macht. Mitunter werden die protestierenden Landwirte ja mit den französischen Gelbwesten verglichen. Aber Vorsicht: Wenn man eine Gelbweste lange genug durch den Acker zieht, ist es ein Braunhemd.

Die Stimmung ist mittlerweile so aufgeputscht, dass die Bauernopfer große Lust verspüren, die Dame zu schlagen. Also wahlweise Julia Klöckner oder noch besser Umweltministerin Svenja Schulze.

 

Trotzdem ist der Frust auch verständlich. Das Landleben ist wirklich kein Zückerrübenschlecken. Immer mehr kleine Höfe müssen schließen, die Preise für Nahrungsmittel sinken und zu allem Übel ist das Internet auf dem Land langsamer als ein Postnetz mit Eseln. Da gibt’s keine schnelle Nummer auf Tinder, da hilft nur das analoge »Bauer sucht Frau«. Da hat der Bauer weniger Auswahl als sein Zuchtbulle. Dabei gibt es doch auch so viel Schönes auf dem Land. Viele Städter erinnert die gute Landluft etwa an ihren letzten Türkeiurlaub: »Gülle Gülle«. Da wissen die Bauern mittlerweile ja auch gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Mist. Zum Glück hat die AfD angeboten, ein paar Tausend Tonnen Gülle über ihre Social-Media-Kanäle zu verteilen. Dann wäre dieses Problem schon einmal erledigt. 

Mit über 5000 Traktoren machen sich nun tausende von Landwirten aus ganz Deutschland vom Acker, um in der Berliner Innenstadt ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Damit hat Ihre Wut deutlich mehr Auslauf als jedes deutsche Nutztier. Irgendwo muss man ja anfangen. Die Berliner Polizei warnt vor einem Verkehrschaos und rät zur Fahrt mit der U-Bahn. Vielleicht kommt ja manch autoverwöhnter Berliner dadurch auf den Geschmack und bleibt der U-Bahn treu. Dann hätte der Bauern-Protest wenigstens doch ein wenig der Umwelt gedient. 

Ob der Protest tatsächlich irgendetwas bringt, ist noch nicht abzusehen. Hier gilt die Bauernregel Nummer zwei: Kräht der Bauer auf seinem Mist, ändert sich die Politik oder es bleibt, wie’s ist.

 

 


Martin Valenske ist zu sehen in: "Ruwe & Valenske: Unfreiwillig komisch" und  "Ruwe & Valenske: Wir haben genug".

 

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