14.09.2018

#aufstehen. Die rote Raute der Macht.

Kann Oskar-Gewinnerin Sahra die AfD & ihren Sturmführer Seehofer stoppen?
Folge 23

Oskar-Gewinnerin Sahra Wagenknecht und ihr bewegter Mann Lafontaine wollen die Machtergreifung der AfD & ihres Sturmführers Seehofer stoppen.

Autor: MARTIN VALENSKE


Deutschland hat eine neue linke politische Bewegung: #aufstehen. Aufstehen ist als solches schon mal eine Bewegung. Und Bewegung schützt vor Verkalkung, so viel steht fest. Aufstehen ist auch deutlich komplexer und anspruchsvoller als nur den rechten Arm zu heben - ebenfalls eine Bewegung, die man aber auch im Sitzen vollziehen kann, also ohne sich irgendwohin zu bewegen, geschweige denn nach vorne.

Aufstehen allein reicht aber nicht. Nach dem Aufstehen muss sich die Bewegung nämlich erst einmal setzen. Und zwar in Bewegung. Widersetzen, nämlich dem rechten Zeitgeist, ist denn auch ein erklärtes Ziel von #aufstehen. Initiiert wurde das Ganze unter anderem von dem Dramaturg Bernd Stegemann und der Oskar-Gewinnerinn Sarah Wagenknecht. Unterstützung erhalten sie von illustren Prominenten wie z.B. Lisa Fitz und Nina Hagen – für Theater ist also gesorgt. Laut Gründungsaufruf sollen die unbearbeitet gebliebenen Probleme wie Rente, Pflege, Bildung, Wohnung usw. endlich angepackt werden. Eine veränderte politische Stoßrichtung ist auch dringend nötig. In den letzten Jahren hat die AfD mit den Themen Migration und Islam Medien und Politik beliebig vor sich hergetrieben. Horst Seehofer - der besoffenste Blödelbarde Bayerns - kann mittlerweile die Migration als »Mutter aller Probleme« imaginieren und um den Rechtsextremismus kümmert sich der Verfassungsschutz dank seines Präsidenten auch nur in Maaßen. Um all das gar nicht erst zuzulassen, wäre »#früheraufstehen« vielleicht besser gewesen, doch dafür ist es zu spät. Außerdem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, früh aufstehen ist nichts für Linke.

Um dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen und politischen Druck von links aufzubauen, geht #aufstehen neue Wege. Das beweist schon der Hashtag, also irgendwas mit Internet. Cool. Vom Couch-Potato zum Online-Che-Guevara in nur einem Klick. Der # wird zum Partisanenkampf des 21. Jahrhunderts. Das passt auch zu Sarah Wagenknecht. Schließlich ist sie die Einzige in der Linkspartei, die ihre Twitter-Meldungen nicht per Fax verschickt. Wie wichtig das Internet bzw. soziale Medien sind, wussten schon Marx und Engels und erklärten das energische Ändern des Facebook-Profilfotos zum Motor der Geschichte. Außerdem: Ein # ist auch nichts anderes als eine Raute. Wenn Frau Merkel damit erfolgreich ist, dann kann das Frau Wagenknecht mit der Roten Raute ebenso.

Wobei fraglich ist, wie viel Rot da eigentlich drin steckt. Denn die wirtschaftspolitischen Ideen von Wagenknecht und ihrem ebenfalls bewegten Mann Lafontaine - dem Bonaparte des Saarlandes - sind alles andere als radikal, sondern eher klassisch sozialdemokratisch. Nicht minder umstritten und altbacken sind ihre Aussagen zum Thema Migration und Flüchtlinge. Daher wird die »Internationale« sicher nicht zum Soundtrack des kommenden Aufstands. Passender wäre da schon das Kinderlied »Aufstehen, aufeinander zugehen.« Die ersten Zeilen dieses Liedes - Dab dab dabe du da-dab dab dab dabe du da - entsprechen auch ziemlich genau den bisherigen Inhalten der Bewegung, was sich aber alsbald ändern sollte. Als basisdemokratische Organisation will #aufstehen zunächst inhaltliche Diskussionen anregen und sich ein gemeinsames Selbstverständnis erarbeiten. Es gilt also, Standpunkte zu finden, die man bei der Bewegung nach links vorne nicht hinter sich lässt. Sonst ergeht es einem wie der SPD. Was natürlich ein bisschen unfair ist. Die Grünen machen das auch, ohne dass es ihnen momentan schadet.

Bei ihrem Versuch, die Republik nach links zu verschieben, wünschen wir der Bewegung #aufstehen #aus #Ruinen trotzdem viel Glück und Erfolg. Schließlich kann es nicht schaden, die etablierten Parteien mit linken Themen genau so vor sich herzutreiben, wie es die AfD mit ihren Positionen vormacht. Grüne und Linkspartei reagiert indes - trotz personeller Überschneidung - mit Kritik. Und das Verhältnis der SPD zu #aufstehen ist auch schwierig. Die SPD bewegen – ist das nicht Störung der Totenruhe?

Voll Optimismus und Heiterkeit beenden wir diese Kolumne mit einem passenden Aphorismus aus der DDR. Denn hier wusste man genau, wie weit man es mit schierer Bewegungskraft bringen kann: »Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir schon ein Stückchen weiter.«

 

Martin Valenske ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night
und in
"Wir haben genug".

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