24.09.2018

Die Ästhetik der Fratze

Das Schönheitsideal der Autokraten

Folge 24

Hässlich ist das neue Mächtig! Die Potentaten dieser Welt treffen sich dieser Tage mal wieder zur UN-Vollversammlung: Ohrfeigengesichter, Gammelfleisch und jede Menge unbelebte Natur – bei einem Blick ins Weltenrund in New York wird klar, warum in manchen Ländern keine Karikaturen nötig sind..

Autor: TILMAN LUCKE

 

Ende September erhalten wir in New York wieder verheerende Einblicke in die weltweite politische Landschaft: unbelebte Natur, zerfurchte Kraterlandschaften, degenerierte Tristesse, unnatürliche, lebensfeindliche Verwerfungen und Verformungen, spärliche oder fragwürdige Bewaldung. Und damit sind nur die Gesichter der Staatschefs gemeint: stumme Zeugen von Leben in vergangenen Erdzeitaltern. Die politische Weltlage sieht noch weitaus katastrophaler aus. Doch schon die Generaldebatte in der UNO-Vollversammlung gleicht einem Panoptikum der Untoten; das politische Führungspersonal der sieben Erdteile liefert eine optische Bilanz, als sei eine Halloweenhandlung geplündert und die Masken wahllos auf eine Armee von Zombiekörpern ausgegossen worden.

Eröffnet wird der Redereigen der Runkelrüben seit Anbeginn der UNO traditionell vom Präsidenten Brasiliens. Staatschef Michel Temer verkörpert den Gammelfleischskandal in seinem Land wie kein Zweiter. Diverse Liftings verunmöglichen seinem Gesicht menschliche Regungen, stattdessen stilisiert er sich auf Fotos als Mafiapate und bietet uns damit wohl einen unerwartet ehrlichen Einblick in sein Gemüt. In zweiter Ehe ist Temer mit einer 43 Jahre jüngeren ehemaligen Schönheitskönigin verheiratet. Teile von ihr sind inzwischen 35 Jahre alt; Südamerikas Berlusconi muss sich also bald umorientieren. Den Präsidentenpalast bewohnen Herr und Frau Temer aus Angst vor Geistern nicht mehr selbst: Die Gespenster können also ohne Furcht weiterspuken. Temer hatte vor zwei Jahren seine Vorgängerin Dilma Rousseff abgesetzt, die einzige Politikerin des riesigen Landes, der man keine Korruption nachweisen konnte. Klar, sie musste gehen, weil sie nicht ins System passte. Michel Temer wiederum darf bis Dezember 2018 nur den Übergangsgrüßaugust geben, weil ihm für die Wahl am 7. Oktober ein gerichtlich Kandidaturverbot erteilt wurde.

Temers Fratze reiht sich in eine weltweite Parade des Schreckens: der pockennarbige Philippinenpotentat Rodrigo Duterte, der nebenher als Vorher-Bild jobbt; Nicolás Maduro aus Venezuela mit dem smarten Pornobart, der aufgeschwemmt daherkommt wie der späte Hitler; der sich selbst in Alkohol eingelegt habende Miloš Zeman aus Tschechien; der teigige Kim aus Nordkorea, der sein Land nun schon in der dritten Degeneration regiert; Polenboss Kaczyński und Oberungar Orbán – das sogenannte Warschauer Pack – die uns beweisen, von welchem Hauptwort der Begriff „Physio-Gnomie“ stammt... All diese Staatschefs besitzen in ihren Palästen Entzerrspiegel, die ihnen vorlügen: Ihr seid die Schönsten im Land. Nicht zu vergessen Recep Tayyip Erdoğan, der Eigentümer der Türkei, der die Evolutionstheorie aus türkischen Lehrplänen verbannte, weil ihm ein Blick in den Spiegel eine Evolution als extrem unglaubwürdig erscheinen ließ. Karikaturen sind in solchen Autokratien oft unüblich – sie sind schlichtweg nicht nötig. Fairerweise sei betont: Wahre Hässlichkeit kommt von innen! Erdoğan und Co. haben sich ihre Visagen also hart erarbeitet. Lebt eigentlich das ehemalige Völkerrechtssubjekt Kardinal Fratzinger noch?

Gastgeber dieser UN-Vollversammlung ist übrigens US-Präsident Donald Trump. Passt. Wie die Faust aufs Auge.

 

Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night" und in seinem Soloprogramm "Verdummungsverbot".

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