27.05.2020

No. 109

The Virus Takes It All

#schweden #corona #lockdown #anderstegnell

 

In den 30er Jahren schauten verrückte Deutsche neidisch nach Schweden, weil dessen Bevölkerung so schön blond und blauäugig ist. Heute schauen verrückte Deutsche neidisch nach Schweden, weil dessen Politik so schön blöd und blauäugig ist. 
 

 

Seit Wochen schon protestieren tausende Demonstrant*innen in ganz Deutschland gegen die Corona-Beschränkungen und fordern lautstark ein Ende der Maßnahmen. Um ihre politische Durchschlagskraft zu erhöhen, sollen diese Demonstrationen jetzt unter einem gemeinsamen Motto laufen. Zur Auswahl stehen die beiden Vorschläge »Scheiß auf Oma, ich will shoppen« oder »Beschränkte gegen Beschränkungen«. Beides wäre wenigstens ehrlich. Um zumindest die wirtschaftlichen Einschnitte abzufedern und die Konjunktur anzukurbeln, hat die Bundesregierung diese Woche ein neues Maßnahmenpaket beschlossen. Analog zur Kaufprämie für Neuwagen, der so genannten Abwrackprämie, gibt es jetzt:
1) Unterstützung für die Tourismusbranche: Alle Bürger*innen, die behaupten, Deutschland sei eine Diktatur, erhalten auf Staatskosten einen Reisegutschein für Nordkorea. Sechs Wochen Wellnessurlaub im »Geheimen Gefangenenressort Pjöngjang« (4 Morgensterne), inklusive Einzelzelle und Eiswürfeldusche.
2) Unterstützung für das Gastronomiegewerbe: Alle vernünftigen Bundesbürger*innen erhalten staatlich finanzierte Genussgutscheine (»Saufprämie«) für ein Restaurant/eine Bar ihrer Wahl, damit sie die Verrückten um sich herum aushalten.
Diese Verrückten, die derzeit das Bild der »Hygiene-« bzw. »Anti-Lockdown-Demos« prägen, fallen nicht nur mit ihren schrillen Tönen oder der Missachtung von Anstandsregeln auf, sondern auch durch ihre kürzlich erwachte Liebe zu Schweden. Doch seien wir ehrlich: Schweden hat mit seinen deutschen Fans nicht immer nur Glück gehabt. In den 30er Jahren schauten verrückte Deutsche neidisch nach Schweden, weil dessen Bevölkerung so schön blond und blauäugig ist. Heute schauen verrückte Deutsche neidisch nach Schweden, weil dessen Politik so schön blöd und blauäugig ist. Schließlich hört man in jeder Corona-Diskussion immer irgendwann: »Abba warum machen wir es nicht so wie die Schweden?« Eine gute Frage. Schweden hat 10,32 Millionen Einwohner. Noch. Schweden beklagt ca. 4.000 Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus, Deutschland ca. 8.000 (Stand 24. Mai). In Deutschland gibt es also doppelt so viele Tote, aber eine acht Mal größere Bevölkerung! Würde man die schwedischen 384 Toten pro Million Einwohner*innen auf Deutschland hochrechnen, wären wir bei über 31.000 Toten und hätten italienische Verhältnisse. Und das ist noch zu niedrig geschätzt, schließlich ist die schwedische Bevölkerung im Schnitt etwas gesünder, jünger und weniger übergewichtig als die deutsche, dafür ist die Bevölkerungsdichte (und die dichte Bevölkerung) in Deutschland deutlich größer als in Schweden. Schwedens Chefvirologe Anders Tegnell hat jedoch eine passende Ausrede Erklärung für seinen Sonderweg: Schweden sei im Verlauf der Epidemie einfach schon weiter. Daher werde sein Land von der erwarteten zweiten Welle im Herbst auch nicht so stark getroffen wie Resteuropa. Er argumentiert also getreu dem Motto: Wen du heute kannst entsorgen, den vertröste nicht auf morgen. Trotz wachsender Kritik an diesem Sonderweg - auch in Schweden selbst - schreckt die Politik aber weiterhin ängstlich vor härteren Maßnahmen zurück. In Schweden sind halt einfach zu viele Lappen in der Regierung. 
Bedenkt man ferner die übermäßig hohe Sterblichkeit schwedischer Senior*innen wird auch klar, wer hier in Deutschland den schwedischen Sonderweg für eine gute Idee hält. Menschen, die ihre Eltern nicht mögen und erben wollen! Funfact am Rande: Wo gibt es in Deutschland am meisten zu erben? In Westdeutschland. Wo finden die meisten und größten Demos gegen die Lockdown-Maßnahmen statt? In Westdeutschland. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

 

 Text: Martin Valenske 

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