25.03.2020

No. 99

Ausfallen ist das neue Stattfinden – der Corona-Überblick

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Deutschland steht so still wie Angela Merkel in den vergangenen 15 Jahren; Franziska Giffey rettet die Deutschen mit einem „Böse-Viren-Gesetz“; Seriensenior „Lindenstraße“ bekommt keinen Beatmungsplatz mehr; und Hölderlin, der Erfinder der Quarantäne, wird 250 Jahre alt. Der Corona-Überblick.

 

Wie durch Zufall feiern wir dieser Tage den 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin, dem Erfinder der Quarantäne. Leider hatte er damals die Bedeutung des Wortes – vom französischen „quarante“ (vierzig) – falsch verstanden und bliebt statt vierzig Tagen fast vierzig Jahre in häuslicher Isolierung. Mit Erfolg.

Angela Merkel verkündete den nationalen Lockdown, in dem sie sich bereits seit 15 Jahren erfolgreich befindet. Die Regierung kündigte großzügige und schnelle Soforthilfen an. Zum ersten Mal ergibt das, was die GroKo am besten kann, einen Sinn: nämlich allen möglichen gesellschaftlichen Gruppen Geld zu geben. Die Milliarden, das sie bei der erst kürzlich angehobenen Pendlerpauschale einspart – weil die Pendler nicht mehr pendeln – wird locker für die Bewältigung der Krise reichen. Und wenn Franziska Giffey jetzt noch rasch ein „Böse-Viren-Gesetz“ schreibt, kann das Coronavirus einpacken.

Die Corona-Krise stellt einiges auf den Kopf: Ausfallen ist das neue Stattfinden! Olympische Spiele, Fußball-EM, CDU-Parteitag – „und ihr könnt sagen, ihr seid nicht dabei gewesen“, frei nach Goethe, der auch nicht dabei war. Es wäre in der Tat eine Ironie der Geschichte, wenn am Ende dieses Jahres die einzigen zwei Dinge, die nicht verschoben wurden, der Brexit und der BER gewesen sein würden. Nun kann Brexit-Brechstange Boris Johnson seine Busweisheit unter Beweis stellen, das Gesundheitssystem würde mit dem EU-Austritt um 350 Millionen Pfund pro Woche reicher.

Auf die BER-Verschiebung, seit Jahren Berlins prominentestes wiederkehrendes Spektakel, können wir uns hingegen verlassen. Sie wird pünktlich am 31. Oktober geschehen, vielleicht aber auch früher. Immerhin ist der BER der einzige Flughafen weltweit, der nicht wegen Corona geschlossen wurde. Wir sollten ihn uns für künftige Pandemien warmhalten.

Das Fernsehen begleitet die Krise überraschend aktuell: Zurzeit läuft in der ARD die Miniserie „Unsere wunderbaren Jahre“ über das entspannte Krisenjahr 1948: Hamsterkäufe waren noch nicht erfunden, und die Währung der Stunde waren Zigaretten, das Klopapier des zwanzigsten Jahrhunderts. Im selben Jahr begann der Aufstieg des hoffnungsvollen 72-jährigen JU-Vorsitzenden Konrad Adenauer als Krisenmanager. Er blieb den Deutschen noch bis 87 erhalten. Hoffentlich liest Frau Merkel nicht mit.

Die ARD zeigt zwar täglich Corona-Sondersendungen, als gäbe es kein Morgen (das es dann aber doch gibt, weil da nämlich weitere Sondersendungen laufen müssen), die Sendungen heißen aber nicht mehr „Brennpunkt“. So hießen zwar sogar schon die Sendungen während Waldbrand und Hitzewelle 2019 sowie nach allen möglichen Terroranschlägen und nach dem Super-GAU von Fukushima, aber diesmal wäre Panikmache unangebracht.

Die Bayern-Soap „Dahoam is dahoam“ brachte in den vergangenen Tagen Folgen mit unfreiwillig aktuellen Titeln wie „Zu nah beinand“ und „Trennung wider Willen“. Überhaupt gibt keine Sendung Söders Ausgangssperre so gut wieder wie „Dahoam is dahoam“. Wo sonst? Für geistige Quarantäne ist im BR schon seit Jahren gesorgt.

Die ARD-Mietshaussaga „Lindenstraße“ geht hingegen unter. Diesmal sogar im doppelten Sinn: Die Insassen der morbiden Münchener Mietskaserne scheren sich nach 34 Jahren zum ersten Mal nicht um die aktuellen Geschehnisse, sondern treffen sich trotz Ausgangssperre zu einer riesigen Entmietungsdemo, und Risikogruppen-Role-Model Mutter Beimer feiert trotzig ihren Achtzigsten im Kreise aller Bewohner. Ob nach dieser Corona-Party im „Akropolis“ in der allerletzten Folge alle Bewohner sterben, bleibt zwar für immer unklar, ist aber eigentlich auch egal. Rest in Spieß!

 Text: Tilman Lucke 

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