02.10.2018

Oh, wie schön ist Ankara

Folge 26

Rohe Schweinelebern essen, Bier trinken, bei Erkältung warmen Korn gurgeln, Schützenumzüge mögen und sechs deutsche Mittelgebirge kennen – auch ohne diese deutschen Spezialfähigkeiten sind die Türken bei uns ganz passable Mitbürger geworden. Das sollten wir uns auch nicht durch den Staatsbesuch eines zweitklassigen Präsidentendarstellers kaputtmachen lassen.

 

Autor: HENNING RUWE

 

Er war wieder da. Recep Tayyip Erdoğan, der Boss vom Bosporus, kam zu Besuch und irgendwie wollte ihn niemand treffen. Man ist zwar aufeinander angewiesen, politische Pluspunkte lassen sich für deutsche Politiker aber keine sammeln in der Sendung »Geld oder Lira«. Viele Türken jubeln ihrem Sultan derweil zu, ein befremdliches Gefühl, schließlich steht Erdogan unseren Werten so derart unvereinbar gegenüber, man würde ihn am liebsten mit jeder Menge Kuhmist bewerfen. Oder Eiern. Oder Kastanien, ist schließlich gerade die Jahreszeit dafür.

Dass wir Deutsche auch 50 Jahre nach den ersten Gastarbeitern ein sehr ambivalentes Verhältnis zu unseren türkischen Mitbürgern und dabei insgesamt ein Problem im vernünftigen Umgang mit Migranten haben, ist sicherlich kein Geheimnis. Dabei kann unsere größte Gruppe von Einwanderern weder als Beispiel perfekter Integration noch als Sündenbock für alle deutschen Defizite herhalten. Nachdem bis 2013 intensiv im Halbjahrestakt über türkische Parallelgesellschaften gestritten wurde und ein Herr mit dem ausländischen klingenden Namen Sarrazin in seinem auffallend dummen Buch beklagte, Deutschland schaffe sich selber ab, ist es ziemlich ruhig geworden um die Türken. Nicht mal die AfD wittert und twittert regelmäßig einen Skandal um unsere wenig arisch aussehenden Mitbürger. Überraschend kommt das nicht: Das Thema Ehrenmord ist schon lange keines mehr, die größte Parallelgesellschaft in Deutschland befindet sich eindeutig in Sachsen und trotz aller total berechtigter Ängste hat der Türke unsere Innenstädte doch nicht mit phallisch spitzen Minaretten vollgebaut. Auch um die Beschäftigungsquote steht es richtig gut.

 

Seit Mitte 2018 ist die deutsch-türkische Geschichte jedoch um einige Episoden reicher. Von der Öffentlichkeit scheinbar unbemerkt wurden die Türken seit Sultan Erdogans Amoklauf durch die Institutionen plötzlich zu einer der größten Flüchtlingsgruppen in Deutschland. Zeitgleich endete der NSU Prozess um Beate Zschäpe, der unter dem unsäglichen Begriff »Dönermorde« bekannt geworden war, mit der Erkenntnis, dass erschreckend große Teile deutscher Behörden weder Willens noch in der Lage sind, all unsere Mitbürger zu schützen.

Doch statt daraus den legitimen Aufreger des Sommers zu machen, wurde Mesut Özil durch sein Foto mit Erdogan zur Zielscheibe des deutschen Volkszornes. Zum Glück durfte er bei der Weltmeisterschaft in Russland mitspielen, wen hätten wir sonst als zentralen Schuldigen für das Kollektivversagen der deutschen Fußballnationalmannschaft ausfindig machen sollen. Aus völlig berechtigter und notwendiger Kritik an Özils Foto mit Erdogan wurde eine Generalabrechnung mit deutschen Migranten, eine rassistische Kritik und den reflexhaften Forderungen, wer nicht alle drei Strophen der Nationalhymne mitsinge, dürfe auch nicht für die Nationalmannschaft auflaufen. Binnen kürzester Zeit wurde das Integrationsvorbild des gebürtigen Gelsenkircheners Mesut Özil demontiert und den jungen Türken im Land signalisiert, dass sie zwar geduldet sind, aber auch nie richtig dazugehören werden.

Doch schon fragt das Alexander-Dobrindt-Institut für angewandte Dummheit, was wir den Türken denn überhaupt zu verdanken hätten? Die Antwort darauf lautet zwar weder die Gesundheitsversorgung, noch den Frieden und schon gar nicht den Aquädukt. Aber das Zusammenleben hat uns kulinarisch und kulturell weitergebracht, vor allem aber eine Menge hilfsbereiter Menschen ins Land gebracht. Wir haben Türken immer als sehr freundlich und zuvorkommend erlebt, manchmal wird man von jungen Leuten auf der Straße angesprochen mit den Worten: »Hast du ein Problem?!« Und nicht selten bietet der junge Türke dann auch noch an, seine Brüder zu holen. Hier wird wenigstens noch miteinander kommuniziert. Und wenn der Dönermacher Ihres Vertrauens das nächste Mal den Teppich zum Trocknen aufhängt, fragen sie ruhig mal nach: »Na, fliegt er nicht?« Das wird zwar irgendeine selbsternannte Antirassismusbeauftragte auf die Palme bringen, aber ihr türkischer Nachbar kann herzhaft drüber lachen. Sonst wird er halt abgeschoben. Das ist übrigens bayrischer Humor. Nicht nur den Weg in unsere Herzen sondern auch in die Sprache haben es die sympathischen Anatolier gefunden, etwa mit schönen Redewendungen: Du Opfer. Eine Kurzform für »Du Opfer deiner Selbst«. Das ist poetisch, klug und hat mehr Charme als ein gemeinsames Sauerkrautessen mit Beatrix von Storch. Die Türken sind so langsam angekommen in unserer Mitte und es hat sicher sein Gutes, dass sie nie ganz deutsch sein werden: rohe Schweineleber essen, Bier trinken, bei Erkältung warmen Korn gurgeln, Schützenumzüge mögen und sechs deutsche Mittelgebirge kennen – auch ohne diese Spezialfähigkeiten kann man ein ganz passabler Mitbürger werden. Und das ist doch eine ganz hoffnungsvolle Botschaft in diesen Tagen.

 

 

Henning Ruwe ist zusammen mit Martin Valenske in "Wir haben genug" und in "Zwei Päpste für ein Halleluja" zu sehen.

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