23.08.2018

Will Plasberg Illner?

Die deutsche Problemlandschaft!

Folge 21

Das Grundübel des 21. Jahrhunderts sind nicht die Flüchtlinge, sondern unsere Talkshows. Die AfD hält die deutsche Debattenkultur fest im Griff.

 

Autor: HENNING RUWE


Jeder Hobbypsychologe verrät uns: Wir müssen über unsere Probleme sprechen. Und der Deutsche hat leidenschaftlich gern Probleme, er will sich aufregen, ärgern und hadert mit allem, was andere verschuldet haben sollen. Zugleich besitzt er ein maximales Desinteresse daran, die von ihm erkannten Probleme auch zu lösen. Oder eine Partei zu wählen, die grundsätzlich dazu in der Lage scheint, diese zu lösen.

Aber wo erfährt der Deutsche überhaupt, wo ihm der Schuh drückt und was er denken, fühlen und glauben kann? Natürlich in Talkshows: Will Plasberg Illner? Gehaltvoller sind die Fragen dieser Runden zwar selten, aber allein ihre Themenauswahl bietet ein interessantes Bild der aktuellen deutschen Problemlandschaft, wie sie uns führende Medienmacher anbieten.

So wurden 2016 alle 141 Talkshows auf ARD und ZDF untersucht, ganze 40-mal ging es um Flüchtlinge, 21-mal um Populismus und 15 Ausgaben nahmen sich den Islam, Gewalt und Terrorismus zum Thema. Da wundert es nicht, dass die AfD die deutsche Debattenkultur fest im Griff hält, vorgeschobene Ängste und Sorgen dominieren mittlerweile den deutschen Diskurs und auch seine Talkshows. Und wenn das mal nicht Thema ist? "Hilfe, mein Sohn ist Sternzeichen Wassermann und Pyromane!" oder "Fasten mit Geometrie: Wie ich nur noch achteckige Lebensmittel zu mir nahm und alle Rundungen verlor".

Zig Millionen Jahre Evolution und am Ende steht Frank Plasberg. Na super. Dem Abgasskandal von VW wurden übrigens unglaubliche null Sendungen gewidmet. Auch für strukturellen Probleme wie dem Pflegesystem, der sozialen Ungleichheit und dem Umweltschutz scheint Sendezeit wohl etwas zu schade zu sein. Vielleicht auch gerade deswegen, weil diese Probleme viel realer sind – vorm Zubettgehen wollen wir eben lieber den leichten Muselmanengrusel und nicht den Endzeit-Schocker aus dem Pflegeheim.

Über die Qualität der Talkshows ist damit noch gar nichts gesagt, hier bilanziert der weit über die deutschen Grenzen hinaus unbekannte Schriftsteller Bodo Morshäuser treffend: »Zu besten Sendezeiten wird nicht über Politik gesprochen, sondern das Sprechen über Politik simuliert.« Und es bestätigt sich dabei auch die goldene Regel, wenn man in mindestens 17 Talkshows darüber geredet hat, ist das Problem gelöst. Also nicht für die Betroffenen, aber für die verantwortlichen Politiker. Denn Probleme werden also nicht mehr durchgestanden, sondern ausgesessen. Das ist nicht nur schade für uns, sondern auch bequem für die Sitzenden.

 

Auf den nächsten Seiten holen wir all das nach, was in Frank Plasbergs Faktencheck bisher zu kurz kam. Versprochen. Und auch wenn der Deutsche prinzipiell immer der Meinung ist, grundsätzlich von nichts gewusst zu haben – wissen wir doch alle ziemlich genau Bescheid, wo die tatsächlichen Probleme und Skandale in unserer Gesellschaft liegen.

Denn egal ob Facebook, Lohndumping oder #metoo – Informationen haben wir nicht erst seit Guido Knopp mehr als genug dazu, siehe die erfolgreiche ZDF-Vorabend-Doku: »Hitlers manipulierte Abgaswerte«. Aber was bringt dieses Wissen, wenn wir uns nicht mal zu diesen Informationen hinbewegen? Sie an uns heranlassen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen? Und vielleicht doch mal etwas verändern? Nicht? Naja, war ja nur ein Vorschlag!

 

Henning Ruwe ist zusammen mit Martin Valenske in "Wir haben genug" und in "Zwei Päpste für ein Halleluja" zu sehen.

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