Zum Tod des Kabarettisten und Autors Hans Krause

(22. März 1924 – 20. November 2015)

 

 

„Schwankend auf Linie und Treue – Die Kuddeldaddeldus“ – so heißt eine 2008 erschienene CD. Sie enthält 11 Titel des „sozialistischen“ Kuddeldaddeldu aus den Jahren 1966 bis 1993, gesprochen von „Kuddeldaddel DU & ER“, Heinz Draehn und Hans Krause.

 

Die beiden Kabarettisten sind untrennbar mit der wohl bekanntesten Kabarettfigur der DDR, eines „Agitationsmatrosen mit Narrenkappe“, verbunden – Heinz Draehn als sein unnachahmlicher Interpret, Hans Krause als sein überaus fleißiger Schöpfer. Wie erst jetzt öffentlich bekannt wurde, verstarb Hans Krause, Kabarettist und Autor, am 20. November 2015 im Alter von 91 Jahren in Berlin.

 

Die Leistungen von Hans Krause für das Kabarett und den Humor in der DDR können nicht hochgenug gewürdigt werden. Bereits in seiner Schulzeit war der Berliner als Komparse bei Theatern tätig, kam als Soldat nach dem Absingen von Brecht- und Kästner-Liedern wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ ins Gefängnis, konnte 1944 während eines Transports fliehen und bis Kriegsende im Spreewald versteckt werden. Es folgten Schauspielschule am Deutschen Theater, erste Versuche als Kabarettist im Reisekabarett Die Laterne (mit Wolfgang Brandenstein), anschließend Mitarbeit in der Kleinen Bühne, die 1953 von Erich Brehm, dem „Vater des DDR-Kabaretts“, in die Berliner Distel überführt wurde. Im Haus in der Berliner Friedrichstraße 101, dem noch heutigen Domizil des wohl wichtigsten DDR-Kabaretts, war Hans Krause von Beginn an dabei. Seine mit leiser Ironie verfassten Erlebnisse als Schauspieler, Direktor, Autor und Redakteur vor, während und nach seiner Distel-Zeit können in der 2011 erschienenen Autobiografie „Ich war eine Distel“ nachgelesen werden.

 

Als Autor verfasste Hans Krause zahlreiche Kabaretttexte, Gedichte, Bücher, Manuskripte für Varietétheater, Rundfunk und Fernsehen (u.a. Klock acht – achtern Strom); auch war er von 1963 bis 1970 als „freier Redakteur mit Fixum“ im Neuen Deutschland für die „Humorseite“ verantwortlich.

In seiner Zeit als Direktor (1958-1963) entwickelte sich die Berliner Distel „kess und kühn“ zu voller Blüte. Auf der Bühne brillierten in dieser Hochzeit des Kabaretts vor allem Schauspieler wie Ellen Tiedtke, Gustav Müller, Gerd E. Schäfer und Otto Stark in den Texten des Hausautors Hans Rascher.

 

Ein kabarettistisches Denkmal setzte sich Hans Krause mit seinem Kuddeldaddeldu – 1965 als Parodie frei nach Ringelnatz für die Humorseite des Neuen Deutschland entstanden. Bis in die 1990er Jahre verfasste er mehr als 400 Texte über den unkonventionellen Matrosen. Und so schwankte er auf „Linie und Treue“ mit diesem „sozialistischen Seemann“ hin und her zwischen System-Kritik und System-Schmeichelei, schaute dem Volk wie auch den Mächtigen aufs Maul und redete letzteren, wenn sie es denn wünschten – und sie wünschten es oft – nach dem Mund: Kuddeldaddeldu wurde „Protokoll-Referent“.

 

Erst Mitte der 1980er Jahre, in der „Glasnost-Zeit“, löste sich Hans Krause von seiner stets ehrlich verstandenen Parteidisziplin. Mit zunehmender Wut über die greisenhafte Sturheit der alten Männer im SED-Politbüro schrieb er sich frei. Der Vortrag eines „Gorbi-Kuddels“ im Palast der Republik wurde ihm im September 1988 noch untersagt. Seinen „Fußgänger-Kuddel“ mit Bezug auf die immer zahlreicher stattfindenden Demonstrationen jedoch durfte er im Oktober des Folgejahres an gleicher Stelle verkünden lassen: „Wir Fußgänger haben die Macht“.

 

In „Kuddels-Traum“, einem der letzten Kuddel-Texte, klingt ein wenig das Vermächtnis des bis ins hohe Alter fleißigen Autors nach. Selbstironisch lässt Hans Krause seinen Kuddel „links einpennen“ und von „der Wende anders rum“ träumen. Aber dieser Traum, in dem u.a. die Fischerchöre das vertraute Die Partei, die Partei hat immer recht sangen, entwickelte sich zum Alptraum:

„… bis hierher und nicht weiter./ All die genannten Errungenschaften/ sind ja noch zu verkraften./ Und ich könnte mir, wenn’s nicht anders wäre/ an die alte Misere/ noch einmal gewöhnen:/ Wieder Schlange stehen,/ zum Parteilehrjahr gehen,/ Klempner beknie’n,/ Blauhemd anzieh‘n,/ mich zu 10.000 Aufbauschichten/ verpflichten –/ aber auf die D-Mark verzichten…/ Nein, nein, nein, nein, nein –/ das fällt mir nicht mal im Traume ein.“

 

 

Jürgen Klammer

- Kabaretthistoriker -

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