27.03.2019

No. 47

Das große Brexit-ABC – von M wie „May“ bis Z wie „zurechnungsfähig“

Wenn Europa im März von May in den April geschickt wird, dann ist Brexit-Time! Der nicht enden wollende Albion-Traum geht weiter und mit ihm unser großes Brexit-Alphabet (M bis Z)! 

Autor: TILMAN LUCKE


M wie May, Theresa: letzte Premierministerin vor dem Crash, also eigentlich die Dernierenministerin. Sie und ihre Parteileichen von den Tories müssen die Brexarbeit erledigen, die ihnen von David →Cameron eingebrockt wurde. Seitdem klebt die Inselbegabung an ihrem Stuhl (#TesaMay), weil ihr bekanntlich die bequemste Entsorgungsmöglichkeit für abgehalfterte und unerwünschte Politiker verwehrt bleiben wird: Brüssel.

N wie no deal: Das Unterhaus lehnte ihn ab, wie alle anderen Möglichkeiten bisher auch. Genauso gut kann man dagegen stimmen, dass nach dem März der April und der Mai kommen. Wer glaubt, „no deal“ sei damit vom Tisch, dem sei gesagt: „No deal“ ist der Tisch!

O wie Osterweiterung: Polen, Rumänen und andere Schreckgespenster spielten im Referendumswahlkampf eine große Rolle. Anders als beispielsweise Deutschland, das bis 2011 die komplette Übergangsfrist von sieben Jahren ausschöpfte, hatte Großbritannien bereits 2004 seinen Arbeitsmarkt für EU-Bürger aus den neuen Mitgliedstaaten geöffnet. Seitdem nehmen Lolek und Bolek den Engländern die Arbeit weg, die diese gar nicht machen wollen: Putzen, Pflegen, Vorkosten.

P wie Pilcher, Rosamunde: Die Schnulzenqueen vom Albion machte sich im Februar 2019 gerade noch rechtzeitig vor dem Chaos vom Acker – beziehungsweise auf den Acker. Würde man das Brexit-Drama verfilmen, wäre es sicher keine Schnulze, sondern eine Seifenoper – mit dem immer gleichen Cliffhanger: Wird das Unterhaus morgen wieder genauso entscheiden wie heute? Titel der Serie, die hoffentlich bald abgesetzt wird: „Londonstraße“.

Q wie Queen: Das 92-jährige Staatsoberhaupt (eher Staatsüberhaupt – wozu braucht man die überhaupt?) hatte bereits 1972 den Beitritt zur EG unterschrieben, also quasi vorgestern. Gerade eingewöhnt, heißt es für sie nun: Kommando zurück. Anders als die Jobs aller anderen Briten ist ihrer nicht in Gefahr: Sie arbeitet auch nach dem Brexit weiter als Hutablage im Buckingham-Palast.

R wie Riesenrad: Ganz London hat eines ab.

S wie Sprache: In der EU werden 24 Amtssprachen gesprochen, jedes Land darf höchstens eine seiner eigenen Amtssprachen beisteuern. Belgien, Luxemburg, Österreich und Zypern haben auf die Einbringung einer eigenen Amtssprache verzichtet, nicht jedoch die beiden eigentlich englischsprachigen Staaten Irland (Gälisch) und Malta (Malti). Das Englische wurde also lediglich von London in die EU-Verträge eingebracht. Muss es nun weichen? Das wäre besonders tragisch für Günther Oettinger, der in diesem Jahr die EU-Kommission verlässt. Seine Zweitkarriere als Englischdolmetscher falls now in the water.

T wie Tanz: Theresa →Mays Hobby aus ihrer Zeit beim Ministry of silly walks. Mays Tanzhaltung (halb Roboter, halb Roboter) ist durch die langen Beine, den leichten Buckel und das fehlende Rückgrat unverwechselbar.

U wie Ulsterwasser: Nationalgetränk in Nordirland.

V wie Volkskrankheit Nummer eins: in England natürlich die Lebensmittelvergiftung. Zum Kotzen ist aber zur Zeit auch einiges andere.

W wie Wales: der einzige der drei anderen Landesteile, der sich wohl nicht von England abspalten wird. Wenn Nordirland nach Irland abdriftet und auch noch die Schotten dichtmachen, können die Engländer nur noch Wales-Watching machen. Sehr öde. Und sie sähen nur noch rot: Der Union Jack verlöre nämlich sein schottisches Blau. Seit der Union mit Schottland 1707 nennt sich der Staat „Großbritannien“ und seit der Verschmelzung mit Irland 1801 „Vereinigtes Königreich“. Diese beiden Namensrechte wären dann natürlich perdu, und der dämliche Rest muss sich „Enteignetes Königreich Kleinbritannien“ nennen.

X wie Kreuz auf dem Stimmzettel: Die meisten Wähler dachten sich 2016: Ich mache mal was ganz Verrücktes und stimme für den Brexit – hoffe aber, dass kein anderer so bekloppt ist wie ich! Für den Brexit votierten überwiegend die Alten. Vermutlich sind diese inzwischen sowieso alle tot; ein neues Referendum könnte sich also lohnen.

Y wie Why? Das weiß keiner.

Z wie zurechnungsfähig: Die Engländer waren über vierzig Jahre lang in der EU und de facto draußen, und jetzt sind sie de facto draußen und wollen lieber drin bleiben. Was denn nun? Die Remain-Kampagne nannte sich 2016 „Britain stronger in Europe“ – abgekürzt BSE. Wenn schon die Guten so hießen, wie irre waren dann erst ihre Gegner?

Ein Antrag von Theresa May, das Brexit-Alphabet um die Buchstaben Ä wie ätzend, Ö wie öde und Ü wie überflüssig zu verlängern, befindet sich im Unterhaus momentan in der 87. Lesung. Wir schalten zurück nach Europa und melden uns wieder, wenn es nichts Neues gibt.

 

 


Tilman Lucke ist zu sehen in: "frisch gepresst. Politcomedy-Late-Night", "Zwei Päpste für ein Halleluja" und in seinem Soloprogramm "Verdummungsverbot".

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