Geschichte

Ein zeitkritisches Kabarett spielt sich freudig durch die Trümmer im Nachkriegs-Berlin und listig durch den real existierenden Sozialismus. Folgerichtig wurde es nun zum Stachel am gesamtdeutschen Regierungssitz.

Gegründet wurde die DISTEL am 2. Oktober 1953, wenige Monate nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, auf Beschluss des Ostberliner Magistrats als staatlich subventioniertes Kabarett-Theater. Es ist somit das älteste ostdeutsche Berufskabarett. Es sollte die Unzufriedenheiten humorvoll auffangen und zugunsten des "sozialistischen Aufbaus" umfunktionieren. In der Begründung hieß es: "Seit langer Zeit fordert die Berliner Bevölkerung sowie die demokratische Presse - allen voran die Satirezeitschrift „Frischer Wind" - die Gründung eines festen Berliner Kabaretts, in dem mit Mitteln der Satire auf dem Gebiet der darstellenden Kunst wertvolle Arbeit für die Einheit Deutschlands geleistet werden soll."

Zur Vorgeschichte der DISTEL gehören aber auch die INSULANER. Wäre dieses Westberliner Rundfunkkabarett nicht auch im Osten so populär geworden, hätte der Ostberliner Magistrat auf so eine Satire-Anstalt wie die DISTEL wegen ideologischer Risiken des Vorhabens wohl lieber verzichtet. Es war der Erfolg der INSULANER in den Schlachten des Kalten Krieges, der die Funktionäre im Osten davon überzeugte, dass auch Kleinkunst Waffe im Kampf der Systeme sein kann. Der offizielle Auftrag aller Satire in der DDR, auch des Kabaretts, lautete: „Lachend Abschied nehmen von den Fehlern der Vergangenheit" und gleichzeitig „den Humor als Waffe im Klassenkampf nutzen".

Diesem Auftrag kam die DISTEL von Anfang an sehr zögernd nach. Immer wieder kritisierte sie - gewieft, gewitzt verhüllt und vom hellwachen Publikum entdeckerfreudig und lustvoll enttarnt - aktuelle Fehler der Gegenwart im eigenen Land. Mehrfach leugnete man deshalb in der SED-Führung die Daseinsberechtigung von politischer Satire im Sozialismus: „Braucht die kleine DDR Kabarett, wenn die große Sowjetunion doch auch keines hat?"

Dem ersten Distelprogramm, das unter dem Titel „Hurra, Humor ist eingeplant" herauskam, folgten bis zum Mauerfall weitere 76 - "von oben" stets mißtrauisch überwachte - Programme, von denen eins der Zensur im Ganzen zum Opfer fiel:  „Keine Mündigkeit vorschützen" (1988).

Das Stammhaus in der Friedrichstraße hat 420 Plätze. Der Andrang war in den 70er und 80er Jahren so groß, dass man 1976 in einem Kino eine zweite Spielstätte mit drei Vorstellungen pro Woche eröffnete. Doch auch dann blieben drei Viertel des Kartenkontingents bis zu zwei Jahre im Voraus ausverkauft! Das verbleibende Viertel wurde jeden Freitag ab 15.00 Uhr angeboten. Bereits ab 12 Uhr bildeten sich lange Warteschlangen vor der Kasse. Die DISTEL war immer restlos ausverkauft.

Die Eintrittspreise lagen zwischen 1,50 und 4,50 Mark der DDR, die nicht erhöht werden durften, obwohl Kartenpreise von schon 6 bis 8 Mark alle Subventionen entbehrlich gemacht hätten.

Mit der Eröffnung der zweiten Spielstätte wurde auch eine zweite Ensemblegruppe gebildet. So konnten in beiden Häusern gleichzeitig verschiedene Programme aufgeführt werden. Das Personal war inzwischen auf 63 Mitarbeiter angewachsen.

Als sich nach dem Mauerfall die erste Euphorie etwas gelegt hatte, kam der Wendeschock für die DISTEL-Mitarbeiter. Allen teilte der Magistrat schriftlich mit, dass Ihre Einrichtung laut Einigungsvertrag abgewickelt werden sollte. Am 6. November 1990 erließ die Berliner Landesregierung den Abwicklungsbescheid. Sie empfahl, die DISTEL in eine freie Trägerschaft zu überführen. Die Stadträtin für Kultur schlug die Gründung einer GmbH vor. Am 1. August 1991 wurde die DISTEL Kabarett-Theater GmbH gegründet. Eine große Herausforderung für alle Beteiligten, die nur durch intensive Arbeit, anfangs aber erfreulicherweise auch mit Rat und HIlfe von Westkollegen, gemeistert werden konnte.

Noch heute wird der ganzjährige Theaterbetrieb mit zwanzig Festangestellten und freien Mitarbeitern bestritten. Die zweite Spielstätte wurde aufgegeben, aber die zwei Ensemblegruppen blieben erhalten. Sie ermöglichen der DISTEL eine höhere Vielfalt im Spielplan sowie einen regen Tourneebetrieb. Die erfolgreiche Präsenz in zirka 180 deutschen und ausländischen Gastspielorten steigert den Bekanntheitsgrad des Hauses.

In den letzten Jahren fanden durchschnittlich 340 Vorstellungen pro Jahr in Berlin und 80 - 100 auswärtige Gastspiele statt. Damit sehen jährlich über 100.000 Besucher die DISTEL-Vorstellungen. Insgesamt haben sich seit 1953 gut 8 Mio. Menschen an den Programmen der DISTEL erfreut.

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