Die DISTEL - ein zeitkritisches Kabarett

Entwicklung des Kabarett seit der Gründung 2.10.1953

Das Kabarett-Theater DISTEL ist mit der Geschichte Deutschlands nach 1945 bis heute eng verbunden.
Zurückgehend auf eine lebendige Nachkriegs-Kabarettszene wurde die DISTEL am 2. Oktober 1953 eröffnet. Als erstes DDR-Berufskabarett spielte sich die DISTEL - im Widerstreit zwischen engstirnig ideologischer Zensur und generöser staatlicher Förderung - gewandt durch den real existierenden Sozialismus, stichelte sich 1989/1990 „Mit dem Kopf durch die Wende" und nahm dann als Privattheater ihre Geschicke entschlossen in die eigenen Hände. Seitdem etablierte sich die DISTEL folgerichtig zum Stachel am gesamtdeutschen Regierungssitz.

Geschichtsexposé

I. Vorgeschichte und Gründung

Im Nachkriegsberlin gab es zahlreichen Kabarettversuche. Die Gruppe „Frischer Wind" (gegründet im Sommer 1946) galt als die stabilste Kleinkunstbühne im sowjetisch besetzen Teil der Stadt. Im Frühjahr 1948 bezog sie unter der Leitung des Schriftstellers E.R. Greulich in einem hergerichteten Raum in der Ruine der damaligen Großvergnügungsstätte Haus Vaterland am Potsdamer Platz ein festes Quartier.
Nachdem sie aber mangels Publikums bald aufgeben musste, zog sie ab dem Sommer 1949 unter dem neuen Namen „Kleine Bühne" – und unter neuer Leitung von Gisela Reissenberger und Horst Heitzenröther – sehr erfolgreich als Tourneekabarett durch die Betriebe Ostberlins und der DDR.
1951 übernahm der bisher als Stadtschulrat tätige Erich Brehm die Leitung der „Kleinen Bühne" und drängte fortan auf die Einrichtung einer festen Spielstätte für sein Ensemble – mit Fokus das „Haus der Presse" im Vorderhaus des Admiralspalasts. Den ehemaligen Kinosaal dort in der 1. Etage hatte man bereits 1948 dem „Frischen Wind" als zukünftige feste Spielstätte zugesagt, welcher aber nach Beendigung der Bauarbeiten zunächst als allgemeiner Veranstaltungssaal vom neu eingezogenen Presseclub genutzt wurde.

Inzwischen hatte sich das RIAS-Kabarett „Die Insulaner", das seit Oktober 1948 regelmäßig auf Sendung ging, zu einem äußerst populären Rundfunk-Programm in West- und Ostberlin etabliert. Mit ihrer vor allem gegen der „Ost-Zone" gerichteten Satire hatte er sich zur Ikone des kalten Krieges etabliert. Ähnlich vehement lästerten auch die 1949 in West-Berlin gegründeten „Stachelschweine" gegen den Osten und ließen die DDR-Oberen spüren, dass auch Kleinkunst Waffe im Kampf der Systeme sein kann.

Aber erst als im Jahr 1952 auch in der DDR-Presse der Ruf nach der Gründung eines festen Kabaretts laut wurde, reagierte der Magistrat von Groß-(Ost)Berlin im Frühjahr 1953: „Seit dem XIX. Parteitag der KPDSU ist das Problem der Forderung [...] der Satire auf allen Gebieten der Kunst mit in den Vordergrund der Diskussion gerückt. Diese Diskussion findet in der DDR ihren letzten Ausdruck in dem Leitartikel des Neuen Deutschland vom 31.3.1953 über ‚Die Waffen der Satire schärfen'. Von fast allen Zeitungen ist auf dem Gebiet der darstellenden Kunst die Schaffung eines festen Kabaretts für Berlin gefordert worden. [...] Es ist also der Augenblick gekommen, wo die kulturpolitischen Forderungen des Tages mit dem echten Bedürfnis großer Teile der Bevölkerung zusammentreffen." Aktennotiz Magistrat, Abteilung. Kultur, 1. April 1953

Der Leiter der „Kleinen Bühne", Erich Brehm, wurde vom Magistrat mit der Gründung eines neuen Kabaretts beauftragt. Die Ereignisse des 17. Juni 1953 unterbrachen zunächst die Vorbereitungen für das erste staatliche Kabarett der DDR, beschleunigten sie dann jedoch wieder. Am 1. Juli 1953 wurde Erich Brehm als Kabarettdirektor eingesetzt und per Vertrag verpflichtet „die Mittel der Satire im Kampf um die Einheit Deutschlands und einen dauernden Frieden wirksam werden zu lassen." Ausgestattet mit einem Betrag von 20.000,- DM aus außerplanmäßigen Mitteln aus dem Haushalt des Magistrats feierte die DISTEL am 2. Oktober 1953 mit „Hurra, Humor ist eingeplant!" ihre erste Premiere.


 

II. 1953 bis zur Wende:
Im Visier staatlicher Zensur und im Wechselbad kulturpolitischer
Kursänderungen

 

Moralische Läuterung durch „Positive Satire"
Die Geschichte der DISTEL ist eng mit den Kurswechseln der SED und den daran geknüpften kulturpolitischen Schwankungen verbunden.

 

Der nach dem 17. Juni 1953 von Ulbricht eingeleitete „Neue Kurs", dem der von Chruschtschow nach Stalins Tod angekündigte Reformwille zugrunde lag, sollte die Politik den Menschen näher bringen. Neben der Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses, kam dem Kabarett eine Ventilfunktion zu: Die politische Verdrossenheit und die sozial-ökonomische Unzufriedenheit abzufangen und das Volk lachend bei Laune zu halten.

„Das DDR-Kabarett war politisch gewollt. Aber nur nach der Methode: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Im Kabarett konnte der Zuschauer seinen Frust über die Unzulänglichkeiten des Alltags und des Systems weg lachen. Das war offenbar unsere gesellschaftliche Funktion: Druck aus dem Kessel zu nehmen. Lachen verringert die Wut." Edgar Harter, Schauspieler an der DISTEL seit 1975


Während es jedoch bisher keine Zensur der DISTEL-Programme gab, läutete der Ungarnaufstand 1956 das Ende der Tauwetterperiode ein  mit bald spürbaren Auswirkungen auch für die DISTEL.

Die im Oktober 1957 von der SED abgehaltene Kulturkonferenz hatte die Disziplinierung der Intelligenz zum Ziel und forderte eine „sozialistisch-realistische Kultur". Unter Wissenschaftlern und in der Presse begann eine theoretische Debatte über das Genre „Kabarett". Der „Wissenschaftliche Beirat für Volkskunst" des Ministeriums für Kultur erlies Leitlinien, die eine „positive Satire" forderten: „Der Beitrag des Kabaretts besteht hauptsächlich in der satirischen bzw. humoristischen Beleuchtung von subjektiver Nichterfüllung gesellschaftlicher Erfordernisse, beabsichtigt als produktive Kritik, die Denkanstöße und Handlungsimpulse zur weiteren Vervollkommnung des Menschen gibt." Die unmittelbare Diskussion um die „positive Satire" wurde zwar bald beendet – und DISTEL-Direktor Erich Brehm schrieb 1960 im Nachhinein einen Artikel, in dem er den Begriff ad absurdum führte, was aber keineswegs ein Zeichen der Entspannung war.

1957 wurde die Gründung eines ideologischen Beirats aus Vertretern der Abteilung Kultur der Bezirksleitung der SED und Vertretern der Abteilung Kultur des Magistrats von Groß-Berlin gefordert, um die DISTEL-Programme fortan zu prüfen und zu zensieren. Vollständige Wirksamkeit erlangte dieser Plan Anfang 1958, rund um das neue Programm „Liebe und Raketenbasen", das ursprünglich „Beim Barte des Proleten" heißen sollte.

Ab 1959 bemühte sich das Ministerium für Staatssicherheit um Kontakt mit einigen Mitgliedern des Ensembles, mit dem Ziel, „die Entwicklung der Distel ständig zu verfolgen sowie sie bei ihrer kulturpolitischen Bedeutung gegen alle Feindeinflüsse zu schützen."

Nach dem Mauerbau brachte die DISTEL im Oktober 1961 eine historische Kabarettrevue „Der rote Feuerwehrmann" mit Texten von Erich Weinert heraus. Aber in das bereits laufende Programm „Ach du meine Presse" wurden zusätzlich zwei Texte aufgenommen, die den Bau der Mauer begrüßten – darunter „Nu weent man nich" von Hans Krause.

Walter Ulbricht leitet 1963 sein „Neues ökonomisches System der Planung und Leitung" (NöSPL) zur Förderung des Wirtschaftswachstums ein (Wirtschaftliche Entscheidungen sollten aus den Händen der Funktionäre in die der Fachleute gelegt werden). Auch innen- und kulturpolitisch entspannte sich die Situation wieder etwas; mehr Offenheit wurde akzeptiert. In der DISTEL konnte nun erstmals nach dem Mauerbau, wenn auch sehr vorsichtig, das „Eingeschlossensein", die fehlende Reisefreiheit und das „heiße Eisen" Republikflucht thematisiert werden.

Ein jähes Ende fand die Liberalisierung Ende 1965. Die Kritiker Ulbrichts unter den Funktionären hatten sich durchgesetzt und ihn in die Defensive gezwungen. Auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965, das als „Kahlschlag-Plenum" in die Geschichte eingegangen ist, wurde von den Ulbricht-Kritikern die Debatte statt auf Wirtschaftsfragen auf die Rolle der Künstler gelenkt. Die Künstler wurden des Skeptizismus und Nihilismus bezichtigt. Der in die Enge getriebene Ulbricht formulierte in direktem Bezug zur DISTEL:

„Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns weiter als Partei- und Arbeiterfunktionäre von jedem beliebigem Schreiber anspucken lassen. [...] In Moskau gibt's ja auch kein Kabarett!" Aus einem ZK-Bericht vom Herbst 1965 zur Rolle der Künstler


Nachdem die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 die Situation auch für die Kabaretts in der DDR noch verschärfte, eröffneten sich 1971 mit Erich Honecker an der SED-Spitze sich für die Satiriker erneut Freiräume. Vom neuen Kurs von der Einheit der Wirtschafts-und Sozialpolitik erhoffte sich die DDR-Regierung einen wirtschaftlichen Aufschwung, die internationale Anerkennung des Landes führte zu einem höheren Selbstbewusstsein der DDR-Regierung. Existierende Widersprüche im real existierenden Sozialismus konnten wieder kritisch betrachtet werden.


Um dem hohen Kabarettbedarf nachzukommen, beschloss das Ministerium für Kultur 1976 bis 1990 in allen 14 Bezirkshauptstätten ein eigenes Berufskabarett einzurichten. So gab es 1989 zum Ende der DDR 12 Berufskabaretts in 10 Hauptstädten und 600 staatlich geförderte Amateurkabaretts.

Aber schon ab Mitte der 70er Jahre geriet die DDR-Obrigkeit – v.a. als sich die Stagnation der DDR-Wirtschaft abzeichnete  erneut unter Druck. Sie blieben den Kultur- und Geistesschaffenden gegenüber misstrauisch, im Besonderen im Zusammenhang mit den neuen Verpflichtungen nach Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975 (Einhaltung der Menschenrechte wie z.B. Meinungsfreiheit) und der danach allmählich beginnenden Ausreisebewegung.

Ein Höhepunkt war im November 1976 die Biermann-Ausbürgerung, die eine Protestwelle v.a. unter den Kunstschaffenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und anderen Persönlichkeiten auslöste. In der von der SED künstlich inszenierten Empörungskampagne über den Protest äußerte sich auch die DISTEL:

„Biermann hat sich in einen Zug gesetzt, der zurückfährt in eine Vergangenheit, die wir überwunden haben. Seine Sache. Wir Kabarettisten machen unser Publikum lachen über Schwächen und Unzulänglichkeiten, die wir als veränderbar erkannt haben. Wir lachen über uns. Wir haben gelernt, uns und unseren Weg kritisch zu betrachten. [...] Wir haben Biermann seit Jahren hinter uns gelassen."
Otto Stark, Brigitte Krause, Hanna Donner, Heinz Draehn, Gustav Müller und weitere Ensemblemitglieder der „Distel".

Etwas anders agierte die DISTEL allerdings im Programm „So wahr mir Spott helfe"(November 1976). In Bezug auf Wolf Biermann lästerten die Kabarettisten, „in der ganzen DDR nur noch positive Helden!" und bilanziert, dass ihre satirischen Pfeile „gerade mal so scharf, wie ein Tässchen Mitropa-Soljanka" sind.

Ab Ende der 70er Jahre bildete sich langsam unter dem Schutz der evangelischen Kirche die Bürgerrechtsbewegung heraus, die mit der Schlussakte befürwortete Meinungsfreiheit und Einhaltung der Menschenrechte nun auch von der DDR-Regierung einforderte. Die Konfrontation zwischen Staat und Bürgerrechtsbewegung spitzte sich zu und leitete eine neue Phase der Verhärtung ein.

Trotz des wirtschaftlichen Scheiterns hielt die Honecker-Regierung an ihrem Kurs fest. Auf die spätere „Schwerter zu Pflugscharen"-Bewegung reagierte sie mit strikter Ablehnung, wobei die DISTEL zunächst gleichzog: „Die aus dem Schwert die Pflugschar
schmieden/ erhalten längst noch nicht den Frieden/ der Frieden soll er sicher sein/ braucht Waffen – keinen Heiligenschein." Und: „Der beste Rock für den Frieden ist immer noch der Waffenrock der NVA".

Wie verbohrt und unbeweglich die Regierung war, zeigte sich in der Ablehnung des 1987 von Gorbatschow eingeleiteten Reformkurs Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Nachdem sich die DISTEL der in anderen DDR-Kabaretts schon üblichen scharfen Kritik mit einem neuen Programm anschließen wollte, wird im November 1988 erstmalig ein ganzes Programm verboten. „Keine Mündigkeit vorschützen" entsprach nicht der gewünschten „Philosophie", wie damals die SED-Bezirksleitung begründete

„Satire in der DDR war Alibi nach außen, nach innen Ventil-Funktion. Für das Publikum war es ganz konkret die Möglichkeit, aus dem offiziell verordneten Denkmuster auszubrechen und für zwei Stunden herzhaft über das Lachen zu können, was einen täglich bedrückte."
Michael Nitzel, Schauspieler der DISTEL 1983 - 2020

 

Die vier DISTEL-Direktoren bis 1989  zwischen Verweigerung und versuchter Anpassung


1953 – 1958: Erich Brehm (1910-1966)
Seine Leidenschaft für das Kabarett als Autor, seine Beharrlichkeit als Direktor hatte das künstlerische Profil der DISTEL von 1953 bis 1958 geprägt. Geduldig und gewieft verstand er es, sich den oft dogmatischen Ansprüchen an das Kabarett zu erwehren oder sie zu umgehen. Als 1958 sein die Ulbricht-Politik kritisierendes Programm „Beim Barte des Proleten" stark zensiert und der Titel verboten wurde, hatte er genug. Er gab die Leitung ab, schrieb aber später immer wieder als freier Autor für die DISTEL.

1958 – 1963: Hans Krause (1924-2015)
Als Gründungsmitglied der DISTEL spielte er bis 1955 am Theater. 1958 wurde erneut geworben und zum Leiter der DISTEL berufen. Als Autor belebte er die Ringelnatz-Figur des Kuddeldaddeldu neu, die, von Heinz Draehn verkörpert, bald zu einer Satire-Ikone der DDR wurde. Nach dem Mauerbau erwartete man von ihm, parteiliche Satire zu liefern. Die DISTEL geriet sogar in der Presse in ideologische Kritik. 1963 kündigte Krause aus privaten und gesundheitlichen Gründen und schrieb von nun an als freier Autor u. a. für die DISTEL.

1963 – 1968: Georg Honigmann (1903-1984)
Als Leiter der DISTEL versuchte er allem nach dem berüchtigten 11. SED-ZK-Plenum entstehenden Ärger auszuweichen, in dem er eher auf ein historisch-literarisches als auf ein aktuelles Kabarett setzte und den Programmen einen stärkeren Revuecharakter gab. Die Vorstellungen wurden mit Film- und Toneinspielungen und sogar mit Zeichentrickfilmen angereichert. 1968 löste man ihn von der Theaterleitung ab. Die als SED-ZK-Stimme tätige Zeitung „Neues Deutschland" hatte ihn als „welkenden Lorbeer" bezeichnet.

1968 – 1990: Otto Stark (1922-2018)
Der sehr talentierte Darsteller und Charmeur Otto Stark, der wunderbar exotisch wienerte und wahrlich einigen „Wiener Schmäh" besaß, war beim Publikum bereits schnell nach seinem DISTEL-Debüt 1960 sehr beliebt. Unter seiner Leitung ab 1958 galt die DISTEL beim Kulturministerium als „politisch zuverlässig". Doch sollte man seine Leitungsarbeit nicht vereinseitigt sehen. Auch wenn er „nach oben hin" alle nötigen Beipflichtserklärungen abgab, sein Ensemble bei allen Staatsfeierlichkeiten aufspielen ließ und als Vertrauter der Regierenden galt, versuchte er in den 70ziger Jahren, alle Möglichkeiten bissiger Satire auszuschöpfen. In den 80er Jahre galt die DSITEL dann aber eher als zahm und leicht unterhaltend – so nahm Stark das Verbot von „Keine Mündigkeit vorschützen" auch ohne späteren Wiederstand hin, wobei er wegen Erkrankung zum Premierenzeitpunkt das Verbot selbst nicht hat aussprechen müssen.

 

Protest oder Propaganda:
Die Schere im Kopf oder die Lust an der List – Spielräume und Grenzen

In kulturpolitisch strengeren Zeiten gab es in der DISTEL mehr „Soll-Nummern" oder „Standpunktnummern", die beim Publikum nicht gut ankamen, so dass in den 60er Jahren sogar Zuschauer wegblieben. Hin und wieder halfen sich die Direktoren, wenn es sehr brenzlig wurde, mit historischen Revuen oder Reprisenstücken.
Doch auch in den Phasen der Lockerung war die satirische Praxis der DISTEL von ständiger Zensur geprägt. Jedes neue Programm wurde einem Genehmigungsverfahren von der Konzeption bis zur Inszenierung unterzogen.

„Wir waren zwei Instanzen rechenschaftspflichtig: Dem Magistrat als Geldgeber, der das Kabarett subventionierte und der SED- Bezirksleitung, die die ideologische Reinheit überwacht. Im Prozess von der Idee für ein Programm bis zur Premiere gab es ein genaues Prozedere: Die Idee zum Programm wurde vom Dramaturgen in Form einer Konzeption zu Papier gebracht, der SED-Parteigruppe des Kabaretts und den für die „Distel" verantwortlichen Funktionären der Bezirksleitung der SED und des Magistrat vorgestellt. Erst danach wurden die parteilosen Kollegen eingeweiht.
Auf der Grundlage dieser Programmidee wurden die Autoren beauftragt Texte zu liefern. Nach der Zusammenstellung der Texte zu einem Programmablauf musste dieses Manuskript zur Sichtung an die beiden oben genannten Stellen. Mal gab es
mehr, mal weniger gravierende Einwendungen zu Inhalten."
Edgar Harter


Doch die Zensur begann genau genommen schon früher: „Viele Zensoren verdarben den Brei, bevor er überhaupt gekocht wurde. Der erste Zensor saß immer neben mir an der Schreibmaschine und sagte, noch bevor der kritische Gedanke auf dem Papier war:  ́Das kriegst du doch sowieso nicht durch.' " Peter Ensikat, Autor, Regisseur, seit den 70er für die DISTEL tätig, 1999 - 2004 Künstlerischer Leiter der DISTEL

 

"Man entwickelt in Systemen, wie es die DDR eines war, in der die freie Meinungsäußerung stark eingeschränkt war, ein sehr feinen Sensor dafür, wie viel Spielräume man ausschöpfen kann ohne sich der Gefahr von Sanktionen auszusetzen. In diesem Sinne wussten die Autoren und wir als Interpreten sehr genau, wo die Schmerzgrenze des Systems war. Wir konnten mit einiger Sicherheit spüren, zu welchen Zeiten „die Zügel" angezogen oder lockerer wurden. Wir stellten uns darauf ein. Immer mit der Tendenz zur Grenzüberschreitung. Das heißt, die Zensur war zu großen Teilen auch eine Selbstzensur. Die sogenannte „Schere" war in uns."
Edgar Harter


Abgesehen von der Schere im Kopf, die die politisch-ideologischen Grenzen immer im Blick hatte, maßen die meisten für die DISTEL schreibenden Autoren den Real-Sozialismus an einem „idealen" Sozialismus. Sie schrieben nicht in Opposition zur DDR. Thematisiert wurde zum einen das fehlbare Individuum mit Zügen von Arbeitsbummelei, Desinteresse oder Egoismus. Ein weiteres Thema waren Misswirtschaft und der unterentwickelte Dienstleistungssektor - Handwerkerengpässe, Versorgungsschwierigkeiten – manchmal mit der Andeutung, dass ein fehlendes Leistungsprinzip die Mangelwirtschaft verursache. Also wurden auch punktuell strukturelle Mängel in der DDR kritisiert – so gesehen gab es auch systemkritische Komponenten. Problematisiert wurden durchaus auch die fehlende Reisefreiheit, die gleichgeschalteten Medien, borniertes Beamtentum oder die „Intershops". In den letzten DDR-Jahren wurden mehr und mehr auch Entmündigung und volksferne Cliquenherrschaft thematisiert.

Denn trotz oder gerade wegen der Kontrolle fanden die Kabarettisten Tricks, um die Zensur zu betrügen. Es wurden politisch provokante Nummern geschrieben, mit deren Streichung man fest rechnete, um andere Nummern durchzubekommen. Man ließ
bestimmte Charaktere Missstände aussprechen, die eine irgendwie distanzierte Stellung zur DDR hatten, wie z. B. ein West-Ehepaar im Transit. Oder es wurde eher innerhalb der Szene scharf pointiert und der Schluss dann absichtlich zahm belassen.

Ganz wichtig war allerdings die Art der Regie und der Darbietung, weil sie weit mehr für Zündstoff sorgen konnte, als der Text selbst. Die Künstler inszenierten die Szenen über Gestik, Mienenspiel und Nuancierungen des Tonfalls so, dass sie die Aussagekraft des
Geschriebenen und Gesagten im kritischen Sinne erweiterten. Dabei konnte das Kabarett auf ein hoch sensibilisiertes Publikum setzten, dass wegen der Tabuisierung von Problemen in der medialen Öffentlichkeit gerade neugierig war, kleinste Andeutungen wahrzunehmen, die Kunst des „Zwischen-den-Zeilen-Lesens" beherrschte und die beabsichtige Kritik selbst gedanklich ausformulierte.

Jenseits des Gesagtem und Sagbaren gab es eine Übereinkunft zwischen Bühne und Publikum.

Allerdings mussten vorher noch die Abnahmen überstanden werden:

Am Ende der Probenzeit, vor der öffentlichen Generalprobe und der Premiere, fand die Abnahme statt. Das war der problematischste Teil! Die Genossen wussten: Zwischen einem aufgeschriebenen Text und einem gespielten, interpretierten Text können Welten liegen! Man kann mit Inszenierung und Spiel die Aussage der Texte gewaltig manipulieren: verharmlosen oder verschärfen.
Wir hatten für die Abnahme durchaus unsere Tricks: Ein scharfer politischer Text, an dem uns sehr lag, wurde eingebette zwischen zwei Nummern die ihn weniger scharf erscheinen ließen. Eine sehr freche Replik konnte für die Kommission 'weggenuschelt' werden, um dann, wenn sie die Abnahme überstanden hatte, in den folgenden Vorstellungen umso deutlicher akzentuiert zu werden. Man konnte auch in den nachfolgenden Vorstellungen eine der die scharfe Nummer einbettenden Szene weglassen oder sogar beide.
An der Diskussion unmittelbar nach der Abnahme nahmen weder die Autoren, noch der Regisseur, noch die Darsteller teil. Das war das Geheimnis zwischen den Funktionären, dem Direktor der Distel und der Parteileitung der Distel. Die Diskussion ging mit Argument und Gegenargument solange bis die Vertreter der Distel überzeugt waren, dass die Funktionäre recht hatten.
Man darf sich nicht vorstellen, die Funktionäre mit denen wir es zu tun hatten, wären Idioten gewesen, denen wir ein X für ein Y vormachen konnten. Nein, wir durchschauten einander durchaus. Nicht selten signalisierten die Genossen, man sei privat der gleichen Meinung wie wir, aber jetzt wäre nicht der passende Zeitpunkt für diese oder jene Aussage, aus dieser politischen Erwägung oder aus jenem ökonomischen Grund.
Wir hatten eine unumstößliche Faustregel: Keine Premiere unmittelbar vor dem Parteitag! Nach dem Parteitag waren viele Texte möglich.
Edgar Harter


Das Kabarett war einer der wenigen Orte, an dem Probleme, Widersprüche und Fehlentwicklungen im Realsozialismus kritisch angesprochen werden konnten. Nicht, weil Kabarettisten klüger oder mutiger waren, sondern weil es im Kabarett diesen Spielraum gab. Es sollte aber dabei zuverlässig als Ventil fungieren.

Wir waren so beliebt wie politische Witze, die es zuhauf gab und die bei jeder Gelegenheit erzählt wurden. Wir durften auf unserer Bühne aussprechen, was in keiner Zeitung zu lesen und auf keinem Fernsehkanal zu sehen war.
Edgar Harter


Auch in Anlaufzeiten neuer Stücke saßen „Parteifunktionäre" im Publikum, um jedes sich im Publikum ausbreitendes „falsches" Lachen als Anzeichen dafür zu sehen, dass eine Szene die Grenzen der„positiven" Satire überschritten hatte.

1965 wird in der Stasi-Akte über die DISTEL berichtet: „Die Tendenz, die hin und wieder zu verzeichnen ist, dass mit zunehmender Spieldauer Stücke, die zu Anfang positiv waren, eine negative Aussage durch die Art des Vortrages der Schauspieler bekommen."
Wegen dieser Unberechenbarkeit und wegen des ohnehin gestiegenen Misstrauens gegenüber dem Kabarett gab es nach 1964 – bis auf wenige Ausnahme – kaum noch Direktübertragungen von DISTEL-Programmen im Fernsehen, was von 1953 bis 1956 noch möglich war. Anfangs musste dazu sogar in Adlershof gespielt werden, da es noch keine Übertragungswagen und Aufzeichnungsmöglichkeiten gab. Und noch von 1956 bis 1964 wurde jedes Programm aufgezeichnet und davon dann jeweils ca. 60 Minuten gesendet. Danach kam es nur noch vereinzelt zu Ausstrahlungen und das dann nur lediglich direkt fürs Fernsehen gespielte Szenen ohne Publikum. Darüberhinaus waren einzelne DISTEL-„Stars" auf dem Bildschirm mit abgesegneten Nummern präsent, unter ihnen Heinz Draehn, Lutz Stückrath, Gerd E. Schäfer (in den Unterhaltungssendungen „Da lacht der Bär" und später „Ein Kessel Buntes").


Das „parteiliche Lachen" – Ruf des Hofkabaretts

Die hauptstädtische Lage der DISTEL, nicht all zu weit vom Gebäude des SED Zentralkomitees und von der innerdeutschen Grenze entfernt, ließ die Zensoren hellhöriger und strenger sein als z.B. ihre Kollegen in Dresden zur „Herkuleskeule". Der DISTEL wurde genauer auf die Finger geschaut; hier waren im relativen Vergleich zu anderen Kabaretts mehr SED-Mitglieder tätig. Der erlaubte Raum satirischer Kritik war den DISTEL-Autoren und -Künstlern bekannt, und auch wenn sie als loyal galten, schritten sie ihn dennoch restlos aus und suchten ihn ständig zu vergrößern sowie zu überschreiten.
Es war ein andauernder Drahtseilakt zwischen Erlaubtem und schon Verbotenem. Stets gab es Korrekturwünsche, wurden Nummern verboten. Szenen, die das Publikum nie sehen durfte, füllen ganze Aktenordner. Dieser Mühen, diesem ewigen Katz-und-Maus-Spiel wurden einige müde. Es kam vor, dass Direktoren, Autoren, Dramaturgen und Schauspieler aufgaben, wobei letztere vermutlich auch gute Aussichten auf einträgliche Aufträge in Film und Fernsehen hatten.

Bemerkenswert waren die – völlig unzensierten – öffentlichen Autorenlesungen von 1974 bis 1978. Die Lesungen fanden einmal im Quartal statt und wurden ironischerweise als für die DDR typische Delegiertenkonferenzen abgehalten, die Autoren im Plenum, das Publikum die Delegierten. Hier wurde vor allem vom Kabarettisten Edgar Külow tabuüberschreitende Satire geboten.

1974 bemühte sich eine Gruppe um Inge Ristock (DISTEL-Autorin bis 1974, dann wieder ab 1988), Hans Rascher (DISTEL-Autor 1968-1973, dann wieder ab 1988) und Ellen Tiedtke, ein zweites Kabarett in Berlin zu gründen, was der Stadtrat für Kultur ablehnte, da man den Künstlern nicht traute. Aufzeichnungen belegen, dass die Staatssicherheit die Gründungsbestrebungen der Gruppe – bezeichnet mit dem Namen „RiBaGeRa" (Abkürzung der Nachnamen von Ristock, Kurt Bartsch, Gerhard Geier, Rascher) – beobachtete. Zu der Gruppe gehörte übrigens anfänglich auch Peter Ensikat, der sich dann aber laut der Berichte abwandte und seiner Autoren-Halbtagsstelle ab 1974 und dem gerade laufenden Regieauftrag bei der DISTEL nachging.
Der DISTEL bot man zeitgleich an, eine zweite Bühne zu eröffnen, was Direktor Otto Stark damals noch wegen Überforderung ablehnte.

Für die 80er Jahre wird der DISTEL nachgesagt, mehr auf Unterhaltsamkeit und Vielfarbigkeit als auf das geschliffene Wort scharfer Satire gesetzt und gezielte Kritik eher verniedlicht oder ästhetisiert zu haben. Die Themen-Flaute wurde mit „ästhetischer Opulenz" wettgemacht.

1986 verließ auch Autor Peter Ensikat die DISTEL, er hatte die „Hofnarretei" satt. „Man wusste genau, welche Witze man machen durfte." Er arbeitete anschließend freischaffend, u. a. auch für die DISTEL, vor allem aber für die etwas „freiere" Herkuleskeule in Dresden.


Doch gegen Ende der 80zigerer Jahre wuchs der Druck innerhalb des Ensembles selbst, endlich richtiges Kabarett zu machen, was zunächst in einem erstmaligen Verbot eines ganzen Programmes – „Keine Mündigkeit vorschützen" – endete.

 

Keine Mündigkeit vortäuschen – Das einzige verbotene DISTEL-Programm

Die Autoren Hans Rascher und Inge Ristock legten dem Haus Anfang 1988 ein Manuskript für ein Kabarettprogramm, das die real-sozialistischen Abwege des „kommunistisches Ideals" thematisierte. Das Haus stimmte sofort zu und plante die Premiere für November 1988. Das Textbuch wurde dem Magistrat vorgelegt. Es begann ein längerer Hin-und-Her-Überarbeitungsprozess. Heinz Lyschik, Dramaturg und Parteisekretär an der DISTEL, hielt die Fäden des Prozesses in der Hand. Sämtliche Einwände nahm man zur Kenntnis; überarbeitete einiges, aber machte schließlich, was man aus künstlerischer und politisch-kabarettistischer Sicht für richtig hielt.

Dabei blieb das Haus auch, als der Stadtrat für Kultur, Christian Hartenhauer, nach Vorlage der letzten Fassung in betont kollegialer Form schrieb: „Nach wie vor scheint es mir an dialektischer Betrachtung unserer Probleme in diesen Texten sehr zu fehlen ... Wenn die DDR sich 40 Jahre unkritisch zu sich selbst erhalten hätte, wie hätte es dann eine Vorwärtsentwicklung geben können? ... Bitte prüft in ganzer Verantwortung, ob es unsere Sache sein sollte, die Probleme unserer Bruderländer auf die Bühne zu bringen! Findet Ihr den Text zu Wandlitz nicht selbst geschmacklos? Meint Ihr es wirklich ernst..., einen versuchten Grenzdurchbruch als Kavaliersdelikt herunterzuspielen? In fester Überzeugung, dass Ehrlichkeit als Vertrauen und nicht als Entmündigung empfunden wird, verbleibe ich mit dem Wunsch auf weitere konstruktive Zusammenarbeit..."


Die Abnahmevorstellung des Programms verließen die wütenden Kontrolleure mit dem Satz „Ihr habt uns angeschissen!" Das Programm wurde verboten. Es gab nur eine öffentliche Generalprobe, die man nicht mehr absagen konnte.
Das Ensemble empörte sich, schrieb einen Brief an die DISTEL-Leitung und die Behörden mit der Forderung, das Programm zu erlauben. Otto Stark kam nach der Premiere aus einer längeren Krankschreibung zurück an die DISTEL; nach einer Besprechung unter den DISTEL-SED-Mitgliedern mit den Behörden wurde das Verbot nur bestätigt. Leider zog damals auch das ZK-Mitglied Hans-Peter Minetti seine anfängliche Zustimmung zu diesem Programm zurück, was ihm das Ensemble sehr verübelte. Otto Stark forderte, sämtliche Diskussionen dazu einzustellen.

 

Jedoch im April 1989 konnte man das Kabarett in seinem neuen Programm „Wir sind schon eine Reise wert" nicht mehr daran hindern, sämtliche Demokratiedefizite oder auch das Thema Republikflucht ungeschminkt auf die Bühne zu bringen. Man wagte es nicht mehr, auch dieses Programm zu verbieten.


Westgastspiele – Kontakte mit den Kollegen in Westberlin

Die DISTEL wurde zwar ab den 60er Jahren kaum noch – und schon gar nicht ungefiltert – im Fernsehen gezeigt, konnte aber – u. a. wegen Ulbrichts Bestrebungen, möglichst viele Kontakte zur Bundesrepublik zu knüpfen – 1965 zu einem Gastspiel nach Hamburg reisen. Zwar zeigte sich die DISTEL staatsverbunden, doch wurde sie vom Westpublikum interessiert als „Exotin" aufgenommen, da man ohnehin kein „Dissidenten-Kabarett" erwartete. Ein weiteres Gastspiel im Frühjahr 1965 durch mehrere Städte des Ruhrgebiets wurde von Seiten der DDR ohne Begründung abgesagt. Die Schauspielerin Ingrid Ohlenschläger hatte einer Kollegin von ihren Plänen zur Republikflucht erzählt, was diese nicht für sich behielt.

In den 70er und 80er Jahren reiste die DISTEL zwei bis drei Mal im Jahr zum Gewerkschaftsgastspiel ins Reichsbahnausbesserungswerk nach Westberlin. Die Grenzer kannten die DISTEL-Kollegen schon und „winkten" sie durch.

In den 70er Jahren gab es gelegentlich wechselseitige Besuche und kollegiale Beziehungen mit den Westberliner „Stachelschweinen", die manchmal auch von der Münchner „Lach- und Schießgesellschaft" begleitet wurden.

„Die Vorstellung war wunderbar, wie überhaupt die Programme der DISTEL in der schlimmen Zeit immer hervorragend gewesen sind. Wenn auch abgesegnet, so doch
heldenmütig und für Besucher der DDR ein paar Stunden Humor."
Wolfgang Gruner, Chef der Stachelschweine


Staatsführung im Kabarett

Gekommen ist nur: Walter Ulbricht. Er interessierte sich für Kunst und Kultur und galt als Kabarett-Freund und besuchte die DISTEL mehrfach, so auch am 6. September 1964. Am Ende der Vorstellung war Ulbricht begeistert und applaudierte lange. Da er seinen Besuch kurzfristig um einen Tag verschoben hatte, fiel sein Besuch zusammen mit dem der "Stachelschweine" und der "Münchener Lach- und Schießgesellschaft":

„In grauen Vorzeiten gab es mal einen Besuch von Walter Ulbricht. Pikanterweise war am gleichen Abend auch Wolfgang Gruner, ein großer Kabarettist und Chef der Westberliner „Stachelschweine", anwesend. Als man sie beide miteinander vorstellte, soll Ulbricht zu Gruner gesagt haben und Ulbrichts Dialekt ist jetzt mitzudenken: „Nu, sie sind also von den Stacheltieren." Die „Stacheltiere" waren beliebte satirische Kurzfilme im Kino die vor dem Hauptfilm liefen. Ulbrichts Irrtum wurde nicht aufgeklärt ..."
Edgar Harter


Später bestellte sich die Partei- und Staatsführung die DISTEL zu ihren Festveranstaltungen zu sich. Dort, wie auch bei staatlich organisierten Galaabenden („Ball der Werktätigen", „Ball der Neuerer", „Empfang der Partei- und Staatsführung für unsere erfolgreichen Olympiateilnehmer" u.a.) trat das Ensemble mit eher lustigen Nummern im Rahmen eines bunten Mixprogramms mit Singeklubs und Thomanerchor auf.

 

Staatliche Auszeichnungen für die DISTEL

28.10.1961: Nationalpreis
1973: Vaterländische Verdienstorden in Silber


Spielbetrieb und wirtschaftliche Lage

Bis 1989 feierte Die DISTEL 76 Premieren und hatte bis zum Herbst 1990 mehr als 4,5 Millionen Zuschauer. Die Anzahl der jährlichen Aufführungen stieg dabei kontinuierlich. Gab es in den 70er Jahren noch 266 Vorstellungen pro Jahr, waren es in den 80er Jahren um die 400 jährlich, und alle waren stets ausverkauft.

Als im April 1976 wegen des Publikum-Andrangs eine zweite Spielstätte im ehemaligen Kino „Venus" in der Hohenschönhausener Degnerstraße (335 Plätze) mit wöchentlich drei Aufführungen (Mittwoch bis Freitag) eröffnet wurde, entstand auch eine zweite Ensemblegruppe. Und an den Wochenenden bot die DISTEL zusätzlich Nachtprogramme für 120 Besucher mit Tanz an.

Ab Mitte der 70er Jahre war das Personal auf inzwischen 70 – 78 Mitarbeiter angewachsen: Bis zu fünfzehn Schauspieler, sieben Musiker, ein musikalischer Leiter, drei Dramaturgen, fünf Ankleiderinnen, ein Kraftfahrer, eine Frisöse. Kostüme konnte sich das Haus häufig aus dem Fundus der Komischen Oper leihen. Die Werkstätten des Friedrichstadtpalastes fertigten mitunter Bühnenausstattungen an.

Karten kostet seit der Gründung zwischen 1,55 und 4,55 Mark. Die Einnahmen aus den Kartenverkäufen lagen bei ca. 800.000 Mark; subventioniert wurde die DISTEL mit ca. 1,7 Millionen Mark jährlich. Bei Preisen von 8 bis 10 Mark hätte das Kabarett keine Subventionen gebraucht.

Selbst nach der Eröffnung der zweiten Bühne blieben drei Viertel des Kartenkontingents sogar bis zu zwei oder drei Jahre im Voraus ausverkauft! Das für den unmittelbaren Verkauf reservierte Viertel wurde jeden Freitag ab 15.00 Uhr angeboten. Bereits ab 12 Uhr bildeten sich lange Warteschlangen vor der Kasse. DISTEL-Karten waren oft auch ein beliebtes Tauschobjekt im volkswirtschaftlichen Alltag. Gerne wird erzählt, dass man für DISTEL-Karten sogar schon mal einen der begehrten Auspuffe für das Auto „Trabant" erhalten konnte.

Während es für die DISTEL keine finanziellen Probleme gab, stellte dagegen der Mangel an Material und guter Technik größte Herausforderungen an die Theaterleitung. Für die Renovierung des Theatersaals und des Foyers stellte der Magistrat zwar Ende der 80er Jahre 400.000 Mark zur Verfügung. Doch woher sollte man die dazu benötigten Materialien nehmen? Es gab einen Weg: Die findige Geschäftsleitung hatte einen Patenschaftsvertrag mit den Luftstreitkräften unterschrieben und erlangte auf diesem Weg die Einstufung der DISTEL als „Landesverteidigungsobjekt"! Eine solche Einrichtung konnte an knappes Material herankommen. So wurde z.B. der rote Samtstoff, mit dem noch heute die Theatersessel bezogen sind, von der Polsterfabrik Waldheim ergattert. Zur Kaufverhandlung brachte die Geschäftsleitung in ihrem Dienstwagen nicht nur reichlich Bananen und H-Milch mit, sondern bot zusätzlich drei komplette kostenfreie Vorstellungen.


 

III. Die DISTEL im vereinten Deutschland

Wendezeit - Realsatire überrollt Bühnensatire

Im Sommer 1989 entschloss sich die DISTEL, das verbotene „Mündigkeits"-Programm doch noch in ihren Spielplan aufzunehmen. Dazu kam es dann nicht mehr, denn inzwischen hatten die politischen Ereignisse die Themen des Programms längst überholt.

Ab Herbst 1989 war das Kabarett so dicht an den Problemen der Zeit dran wie nie zuvor: Aber selbst Texte, die morgens geschrieben wurden, waren abends schon nicht mehr aktuell. Die Widersprüche der DDR-Bürger wurden direkt auf der Bühne ausgetragen.
Doch der Mauerfall riss auch die letzten Orientierungspunkte mit sich. Während man vor der Wende wusste, was die trostbedürftigen Gäste möchten, mussten nun erst einmal die Gemeinsamkeiten zwischen Bühne und Publikum gefunden werden. Bisherige Reibungsflächen waren verschwunden.
Erstmals war die DISTEL nicht mehr stets völlig ausverkauft. Das DDR-Publikum blieb weg ....


Distel in freier Trägerschaft

7. September 1990 erfuhr die Distel, dass sie laut Einigungsvertrag abwickelt werden soll. Doch der Magistrat äußerte Interesse am Fortbestehen der DISTEL und riet zur Privatisierung. Die Abwicklung war ursprünglich für Dezember 1990 geplant. Um den Spielbetrieb nicht zu unterbrechen, bewilligte der Magistrat, die Abwicklung bis zum Spielzeitende im Sommer 1991 hinauszuschieben, und er sicherte eine Anschubfinanzierung zu.

Die „Stachelschweine" und Kollegen aus anderen Westberliner oder westdeutschen Theatern berieten die Leitung bei der GmbH-Gründung.

Die Preise wurden nun auf 9 bis 29 DM erhöht. Von den damals 63 Mitarbeitern konnten trotzdem nur 20 bleiben. Die GmbH wurde gegründet. Größte Sorge bereiteten lange die ungeklärten Eigentumsverhältnisses des Hauses. Offen war, ob es einen langfristigen Mietvertrag und dann eine Mietpreissubventionierung geben wird. Erst im Juli 1991 entschied die Treuhand, dass der Admiralspalast dem Senat zu gemeinnützigen Zwecken überlassen wird. Der Mietvertrag vom Senat kam aber erst sehr viel später.

 

Kabarett-Themen der 90er

Gegen das Vergessen arbeiten – Trauerarbeit so komisch machen, wie es nur geht.

„Die nach 1989 anbrechenden neuen Zeiten bescherten dem Kabarett die heiteren Annehmlichkeiten einer von Zensurzwängen freien Existenz, verbunden mit den umso ernsteren ökonomischen Zwängen der Marktwirtschaft. So wurde aus dem Staatsbetrieb eine GmbH, und der Existenzkampf, der früher mit der Zensur ausgetragen war, fand ab sofort an der Abendkasse statt."
Peter Ensikat


Die neuen Programme, die sich mit den aus der Wiedervereinigung entstehenden Problemen vor allem aus der Sicht der Ostdeutschen beschäftigte, fanden schnell ein aufmerksames Publikum – aus Ost und West. Zentrale Themen waren die alten Irrtümer des DDR-Sozialismus sowie die inzwischen enttäuschten Hoffnungen aus der Wiedervereinigung. Neben dem Fremdenhass verspottete das Kabarett den ewigen Ossi-Wessi-Frust. In der DISTEL lachten Ost- und Westdeutsche gemeinsam und einvernehmlich – jeweils über den anderen, aber zugleich über sich selbst. Das war wirklich etwas Neues und ganz Besonderes.

Die DISTEL traf den Nerv der Wendezeit. Zusammen mit dem Deutschen Fernsehfunk (DFF) entwickelte sie die Sendung „Der scharfe Kanal", der am 31.12.1989 erstmals und in den nächsten beiden Jahre sieben weitere Male sonnabends live auf Sendung ging. Nach dem Abschalten des DFF wurde die Sendung jedoch von keinem anderen Sender übernommen.


Peter Ensikat und Inge Ristock waren die wichtigsten DISTEL-Autoren in den 90er Jahren.
Stilistisch hatte man das Kabarettmittel aktuellen Conférence wiederbelebt, die häufig aus Ensikats Feder stammten. Während Ensikat die Gesellschaft eher auf einer verallgemeinernden, betrachtenden Ebene - vor allem in seinen zahlreichen Liedern und Monologen - satirisch analysierte, verdeutlichten die dialogischen Szenen von Inge Ristock Ungerechtigkeiten wunderbar spielerisch - und oft in gut fassbaren Gleichnissen - im unmittelbar erfahrbaren Mikrokosmos des Alltäglichen.

 

Gisela Oechelhaeuser enttarnt

Im April 1999 erlebte die DISTEL einen herben Schlag. Nachdem die Redaktion der „Super-Illu" ihre Intendantin Gisela Oechelhaeuser mit ihrer Staatssicherheits-Akte konfrontiert hatte, gestand sie in der nächsten Ausgabe des Magazins ihre vierjährige Tätigkeit als Inoffizielle Mitarbeiterin (1976-1980) ein. Die Geschichte wurde zu einem Medien-Skandal.

Gisela Oechelhäuser war seit der Übernahme der DISTEL-Leitung 1990 zum Sprachrohr des Kabaretts geworden. Ihre schillernde und sehr präsente Art verschaffte ihr und damit der DISTEL viel Medien-Aufmerksamkeit. Die Germanistin und promovierte Philosophin hatte seit Mitte der 60er Jahre in Leipzig und Dresden – unter anderem als Mitbegründerin der Leipziger „Academixer" – Kabarett gespielt und Regie geführt. Ihr damaliger Ehemann Dietmar Keller war in der Modrow-Regierung Kulturminister. Über einige Zeit war sie Moderatorin beim ORB-Talk: „Am Tag, als ...", die als deutschdeutsche Geschichtsstunde den eingeladenen Zeitzeugen aus Ost und West Bekenntnisse abforderte.

Die Kollegen schätzten sie als sehr engagierte Theaterleiterin und als talentierte und beim Publikum sehr beliebte Schauspielerin, die oft auch Regie führte. Doch nun sprach sich das Ensemble gegen sie aus. Man verübelte ihr vor allem, dass sie in all den Jahren zuvor auf der Bühne und in öffentlichen Gesprächen über die Notwendigkeit der persönlichen Geschichtsaufarbeitung – im Besonderen die der ehemaligen IMs – sprach, von sich selbst ein Image der Offenherzigkeit verbreitete und es aber nicht tatsächlich eingelöst hatte.

„Ich mag überhaupt nicht an unsere Texte denken, die jetzt nur noch zynisch klingen. Wie wir auf der Bühne immer unseren mangelhaften Umgang mit der Vergangenheit beklagt haben. .... Ich kann es nicht begreifen, dass sie so etwas Gravierendes so lange verschweigen konnte."
Peter Ensikat, Süddeutsche Zeitung, 14.4.1999


DISTEL in neuer Leitung  thematische Weiterentwicklung

Peter Ensikat als neuer künstlerischer Leiter mit Norbert Dahnke als Geschäftsführer an seiner Seite schaffte es, den Weggang von Gisela Oechelhaeuser zu überwinden.

Inzwischen galt es für die DISTEL, sich auch thematisch neu zu definieren. Die DISTEL strebte nach gesamtdeutscher Satire, wollte nicht mehr aus nur ostdeutscher Sicht spotten, die Wiedervereinigung beleuchten, die „Besser-Wessis" aufs Korn nehmen, Systemvergleiche anstellen, von „wir" und von „denen drüben" sprechen. Deutschland war seit 10 Jahren vereinigt, das Zeitgeschehen warf inzwischen brisantere Probleme auf, die auf die Kabarettbühne drängten. Der thematische Schwerpunktwechsel hatte Ende der 90er Jahre schon längst begonnen, nun wurde er forciert.

Da Inge Ristock gesundheitliche Probleme hatte (und 2005 viel zu früh verstarb), musste sich die DISTEL nach anderen Autoren umsehen. Ensikat lud die Hausautoren des Düsseldorfer Kom(m)ödchens Dietmar Jacobs, Christian Ehring und Martin Maier-Bode ein, für die DISTEL zu schreiben. Daraus entwickelte sich ab 2004 eine fruchtbare Zusammenarbeit. Auch der Westberliner Kabarettist Frank Lüdecke wurde 2005 an die DISTEL geholt.

 

Der DISTEL-Betrieb heute

In den letzten Jahren fanden durchschnittlich 340 Vorstellungen pro Jahr in Berlin und 60 bis zu 100 auswärtige Gastspiele statt. Damit sahen jährlich 100.000 bis zu 150.000 Besucher die DISTEL-Vorstellungen.

Es stehen immer mehrere Programme auf dem Spielplan. Jährlich bringt die DISTEL zwei bis zu vier Neuproduktionen heraus.

Das Haus arbeitet seit 1991 ohne Zuschüsse und staatliche Subventionen. Die zweite Spielstätte im Kino „Venus" wurde bereits 1991 aufegeben, aber die Größe des Ensembles erlaubt weiterhin einen lebendigen Tourneebetrieb. Die erfolgreiche Präsenz in zirka 180 deutschen und ausländischen Gastspielorten (Schweiz, Österreich, auch einmal in England, Frankreich, Namibia, Ungarn und sogar in den USA) steigert den Bekanntheitsgrad des Hauses.

Das 2012 eröffnete DISTEL-Studio in der ersten Etage des Hauses an der Friedrichstraße, in den Räumen des ehemaligen Presseclubs der DDR, bietet Raum für vielfältige Veranstaltungsformen, wie Soloprogramme, Liederabende, Lesungen und Gesprächsreihen sowie verschiedene Projekte des „Jungen Kabaretts" der DISTEL.

 

DISTEL-Leitung 

2004 hatte Ensikat seine künstlerische Leitungsfunktion beendet; die künstlerischen Belange lagen bis 2006 von Produktion zu Produktion in den Händen der jeweiligen Regisseure, also Martin Maier-Bode und Frank Lüdecke. Von 2006 bis 2008 war Frank Lüdecke, von 2009 bis 2014 Martin Maier-Bode jeweils Künstlerischer Leiter der DISTEL. Diesen Posten hat seit 2015 Dominik Paetzholdt inne.

Auch die Geschäftsführung wechselte. 2008 ging Norbert Dahnke nach 28-jähriger Tätigkeit in Rente; bis 2010 leitete Hartmut Faustmann, von 2010 bis 2015 Dirk Neldner und von 2015 bis 2021 Astrid Brenk die Geschäfte des Hauses. Seit 2022 ist Evangelia Epanomeritaki die Geschäftsführerin der DISTEL.

 


 

Exposé erstellt von Sabine Walther (Referentin Presse-, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der DISTEL)

Herzlichen Dank an Dr. Jürgen Klammer, DDR-Kabarett-Historiker, für die fachkundige Beratung, die Richtigstellung und Ergänzungvieler wichtiger Details und Hintergrundinformationen bei der Erstellung des Exposés.

 


 

Quellen:

Dietmar Jacobs: Untersuchungen zum DDR-Berufskabarett der Ära Honecker. Kölner Studien zur Literaturwissenschaft. Frankfurter a. M. 1996

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland. Leipzig 2010

Brigitte Riemann: Das Kabarett der DDR: Eine Untergrundorganisation mit hohen staatlichen Auszeichnungen. Gratwanderung zwischen sozialistischem Ideal und Alltag (1949-1999), in: Zeit und Text. Bd. 17, 2000

Heinrich Goertz: Frischer Wind im Haus Vaterland 1948; In: Die Horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik 40 (1995)

Peter Ensikat: Ab jetzt geb' ich nichts mehr zu. Nachrichten aus der neuen Ostprovinz, 1993

Peter Ensikat: Meine ganzen Halbwahrheiten, 2010