28.08.2020

No. 122

Wahlrecht ganz einfach

 

Die Koalition hat sich beim Bundestagswahlrecht „geeinigt“: Die Union profitiert weiter von Überhangmandaten, erhält sogar einige unausgeglichene Sitze garantiert. Die SPD erhält im Gegenzug die Aussicht auf eine Kommission, in der ihre Vorschläge zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht gegebenenfalls ergebnisoffen diskutiert werden und eventuell irgendwann die Vorstufe zu einem neuen Wahlgesetz bilden könnten. Und die Opposition? Wurde nicht gefragt, auch wenn ihr Gesetzentwurf seit einem Jahr vorliegt. Die neue Kompromissgeburt der GroKo – gereimt erklärt.

 

Sag mal, wie wird eigentlich unser Bundestag gewählt?
Wollte ich schon immer wissen, denn das ist bestimmt nicht schwer. –
Ja, mein liebes Kind, nichts leichter als das ist schnell erzählt:
Pass schön auf, und hör gut her:

 

Zweihundertundneunundneunzigfach wird zunächst gezählt:
Wer hat bei der ersten Stimme die Kollegen abgehängt?
Der kriegt ein Direktmandat und gilt jetzt schon als gewählt,
Nun wird’s leichter, als man denkt.

 

Mit der Stimme zwei
wählst du die Partei,
die dich gut vertreten soll ab jetz.
Das wird aufsummiert
und multipliziert
mit der Sitzgesamtzahl laut Gesetz.

 

So viel Sitze hat dann die Partei haargenau und glatt,
manche Landeslisten der Partein sind optimistisch lang.
Wenn nun aber die Fraktion mehr Direktmandate hat,
bleiben die als Überhang.

 

So leicht war’s einmal!
Dann kam der Skandal:
Negatives Stimmgewicht entstand!
Karlsruh’ sagte: Nein,
so leicht darf’s nicht sein!
Seitdem wächst der Bundestag rasant.

 

Jedes Bundesland bekommt erst ein Sitzekontingent,
das wird jeweils aufgeteilt auf die Partein im zweiten Schritt,
die addiert man bundesweit, und man zählt auch konsequent
Überhangmandate mit!

 

Diese tolle Zahl
merkst du dir jetzt mal,
mindestens so viel kriegt die Fraktion.
Dass nun keiner plärrt
und sich nichts verzerrt,
kommt die große Ausgleichssitzaktion!

 

Ausgeglichen wird so lang, bis die Mindestsitzzahl passt.
Wenn nun die Partei mit Überhangmandaten kleiner wird,
desto mehr wächst auf der anderen Seite der Ballast.
Oder hab’ ich mich geirrt?

 

Siebenhundertneun
können sich grad freun,
viele sind zuviel im hohen Haus.
Nach der nächsten Wahl
wächst es glatt noch mal –
stets kommt was dazu und gar nichts raus!

 

Denn die CSU gibt keine Direktmandate her,
SPD und CDU sind auch nicht so direkt drauf heiß,
doch die Grünen stellen sich bei der Ausgleichskappung quer,
die wär’ ein zu hoher Preis.

 

Auch die Linkspartei will lösen, doch niemand hört auf sie.
Und mit der bekloppten AfD macht sich doch eh kein Staat.
Dieses deutsche Chaoswahlrecht verändert sich wohl nie.
Ich mach’ einfach Wahlomat!

 

 Text: Tilman Lucke 

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